Jeanette Luft: „I Do It My Way“

logoIn der Interview-Serie „I Do It My Way“ stelle ich Menschen vor, die einen nicht ganz gradlinigen Weg hinter sich und einiges zu erzählen haben. Die Serie soll Mut machen und aufzeigen, dass „Erfolg“ nicht immer stromlinienförmig aussieht.

Viel Freude damit!


Jeanette Luft hat letztes Jahr ihr wunderschönes Yoga Studio „Ganesha Yoga Lounge“ in Heidelberg eröffnet – direkt unter meiner Praxis. Eine tolle Bereicherung, das Yoga Studio mitsamt einer so freundlichen neuen Nachbarin (und ihrem super Team) im Haus zu haben ;-).


Wie haben Sie beruflich gestartet? Und was ist ihr Beruf, was Ihr wichtigstes Tätigkeitsfeld heute?

In mein Berufsleben bin ich ganz solide mit einem Studium zur Diplom-Betriebswirtin gestartet und habe anschließend für einige Jahre in verschiedenen Positionen im Marketing und Key Account Management in größeren Unternehmen gearbeitet.

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In einer stressigen Phase während des Studiums bin ich zufällig in einen Yogakurs gestolpert. Die Yogalehrerin hat uns in der Stunde gebeten zu unserem Herzen zu spüren und der Melodie unseres Herzens zu lauschen. Das kam mir im ersten Moment sehr merkwürdig vor und wollte auch nicht so recht klappen. Doch, wie kann es sein, dass ich durch meinen Alltagsstress so fern von mir selbst war und es mir einfach nicht möglich war eine Verbindung zu mir aufzubauen? Das wollte ich üben und bin von diesem Zeitpunkt an regelmäßig in die Yogastunde gegangen und siehe da, es hat mit der Zeit geklappt. Ich konnte nicht nur die Melodie meines Herzens wahrnehmen. Ich lernte auch achtsam zu meinem Körper zu sein und durch Meditation meine Gedankenmuster besser kennen.

So begann meine Yogareise. Ich entschloss mich dazu, eine Yogalehrerausbildung zu machen und ging für ein paar Monate nach Indien. Ganz beflügelt wieder zurück in Heidelberg, begann ich einen kleinen wöchentlichen Yogakurs anzubieten. Ich tauchte immer tiefer in die Welt des Yoga ein, machte zahlreiche Weiterbildungen und schließlich eine Ausbildung zur Yogatherapeutin.

Heute bin ich Yogalehrerin und -therapeutin aus tiefstem Herzen und freue mich noch jeden Tag, wenn ich die Tür zu meinem wunderschönen Yogastudio aufschließe. Egal ob ich eine Gruppe, Personal Training oder auf Yogareisen unterrichte, es ist einfach schön in zufriedene und entspannte Gesichter nach den Yogastunden zu blicken.

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Ich finde, Sie sind einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Stimmt das aus Ihrer Sicht? Was ist für Sie persönlich das Ungewöhnliche daran?

Ungewöhnlich würde ich den Weg nicht beschreiben. Ich habe einfach versucht auf meine innere Stimme zu hören und dass in die Tat umzusetzen, was ich wirklich liebe und gerne tue. Ich weiss, dass dies vielen Menschen schwer fällt. Doch ich kam für mich irgendwann an den Punkt wo diese innere Stimme immer lauter wurde und mir gesagt hat, dass der eingeschlagene Weg nicht der Richtige ist. Und ich musste  dieser Stimme einfach mehr Raum geben. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen ihren eigenen Weg finden und den Mut aufbringen ihn zu gehen.


Aus heutiger Sicht betrachtet: Ist es der richtige Weg gewesen? Warum?

Mit dem Unterrichten und Weitergeben von Yoga habe ich meine wahre Berufung gefunden. Es erfüllt mich, Yogastunden mit Liebe zu gestalten und einen Yoga zu unterrichten, der leicht zugänglich ist. Viele Menschen haben, so wie ich damals, das Gespür für den eigenen Körper und Geist verloren. Mit achtsamen Bewegungen und tiefem Atem, kann so jeder wieder mehr Bewußtsein für das eigene Sein schaffen und es freut mich, dass ich viele Besucher meines Yogastudios ein Stück auf ihrem Weg begleiten darf.

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 Gab es – rückblickend gesehen – einen Moment, an dem Sie sich ganz bewusst für genau diesen Weg entschieden haben? Oder wie verlief das für Sie?

Das war eher ein schleichender Prozess. Das Unterrichten hat sich mit der Zeit immer weiterentwickelt und die Kurse sind kontinuierlich gewachsen. Immer mehr Menschen kamen zum Yoga. Ich habe das Wachstum der Yogakurse lange beobachtet bis ich irgendwann an einen Punkt kam, an dem es für mich nicht mehr möglich war einen Vollzeitjob im Marketing und noch einen zusätzlichen als Yogalehrerin zu haben. Eine Entscheidung musste her. Wie ich mich entscheiden habe, kann man in der Hauptstrasse 33 sehen 😉

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Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt, lautet: Wie findet man neue, spannende Ziele, wenn ein ursprüngliches Ziel erreicht ist? Wie lautet Ihre Antwort darauf? Wie gehen Sie mit dieser Frage um?

Ich denke, dass jeder Mensch aus einer inneren Motivation und Inspiration heraus handelt. Nur so können Ziele erreicht werden, sich weiterentwicklen und der Wunsch nach Neuem entstehen.

Meine Ziele entwicklen sich stetig weiter. Dies kann auch aus der Begegnung heraus mit inspirierenden Menschen geschehen. Einige unserer Teilnehmer wünsche sich z. B. tiefer in das Thema Yoga einzutauchen, in Verbindung mit einem Urlaub. Sich also, bewusst die Zeit zu nehmen Yoga auf eine neue Art zu erfahren und die Seele baumeln zu lassen. Gemeinsam mit einer Freundin organisiere ich deshalb seit diesem Jahr Yogareisen und habe so ein neues Ziel für mich entdeckt. Und ich freue mich schon sehr auf die erste große Reise an die lykische Küste in der Türkei.

Hängematte


Gibt es derzeit ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ein Thema, dass mich schon seit längerer Zeit beschäftigt ist die Yogatherapie, darüber Hinaus eine meiner größten Säulen der täglichen Arbeit.

Yoga kann therapeutisch wirksam in vielen Bereichen eingesetzt werden, u. a. bei psychosomatischen Beschwerden und chronische Schmerzen des Bewegungsapparates. In diesem Bereich begleite ich Menschen, die unter Stresssymptomen oder Unruhe leiden, Schlafstörungen haben, Rückenschmerzen oder Arthrose lindern möchten.

Die Yogatherapie kann beispielsweise komplementär zu einer psychologischen Betreuung oder ganz allegmein zur westlichen Medizin angewendet werden. Erfreulicherweise gibt es mittlerweile auch immer mehr fundierte Studien, die die Wirksamkeit der Yogatherapie belegen und so das therapeutische Yoga immer ernster genommen wird. Ich betreue viele Patienten bereits seit einigen Jahren und erlebe immer wieder wie gut Yoga wirkt.


Work-Life-Balance ist für viele ein großes Thema. (Wie) schaffen Sie das bzw. welchen Tipp können Sie aus Ihrer Erfahrung zu dieser Herausforderung geben?

Zum Einen versuche ich mir immer wieder bewußt Auszeiten im Alltag zu schaffen. Das kann ein Spaziergang im Wald sein, eine leckere Tasse Kaffee oder ein Wochenendausflug.

Außerdem tragen natürlich Yoga & Meditation einen großen Beitrag zu meiner Work-Life Balance und helfen mir sehr innere Ruhe zu finden und mit mir im Einklang zu sein. Achtsamkeit ist z.B. auch ein gutes Stichwort. Täglich zu üben im Augenblick zu sein und so innere Balance finden ist eine große Herausforderung. Da merke ich, dass ich noch üben muss. Doch mit zunehmender Balance und Gelassenheit werden auch die inneren, meist stressauslösenden, Diskussionen mit einem selbst weniger. Es lohnt sich!

Dazu fällt mir noch eine schöne Geschichte ein:

Zenmeister


Ja, das ist eine Geschichte, bei der auch nicke und denke, „ja stimmt“. Wie können unsere Leser/innen Sie denn im Internet finden?

Das ist ganz einfach, nämlich hier:

www.ganesha-yogalounge.de

www.ganesha-yogalounge.de/yogareise/

www.facebook.com/ganesha.yoga

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Vielen Dank, liebe Jeanette, für dieses schöne und nachdenklich machende Interview!

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Ricarda Gregori: „I Do It My Way“

logoIn der Interview-Serie „I Do It My Way“ stelle ich Menschen vor, die einen nicht ganz gradlinigen Weg hinter sich und einiges zu erzählen haben. Die Serie soll Mut machen und aufzeigen, dass „Erfolg“ nicht immer stromlinienförmig aussieht.

Viel Freude damit!


Ricarda Gregori habe ich vor mehr als 15 Jahren bei unserer Weiterbildung in Systemischer Beratung kennengelernt und nie mehr aus den Augen verloren. Aus unserem  gemeinsamen Interesse für Brasilien und für die Arbeit mit Menschen ist eine tiefe Freundschaft geworden, für die ich sehr dankbar bin. Ich freue mich sehr über dieses Interview mit einer Überzeugungstäterin der interkulturellen Beratung und einer ungewöhnlichen Frau. Toll, dass sie uns auch einige Fotos von ihren Reisen mitgebracht hat.


Wie haben Sie beruflich gestartet? Und was ist ihr Beruf, was Ihr wichtigstes Tätigkeitsfeld heute?

Eigentlich wollte ich Medizin studieren und in die Fussstapfen meiner Mutter treten. Dieser Entschluss kam jedoch gehörig ins Wanken als ich nach dem Abitur eine 6-monatige Rucksackreise durch Nord- und Mittelamerika unternommen hatte. Ich war fasziniert  von den Menschen und ihren so unterschiedlichen Lebensweisen, die ich auf dem Weg angetroffen hatte.

in Belo Horizonte
Ricarda Gregori in Belo Horizonte (Brasilien)

Ein paar Monate nach meiner Rückkehr habe ich dann ein Studium der Ethnologie begonnen und nach meinem Magister ein Jahr in einem Sozialprojekt in Sao Paulo verbracht.  Brasilien hat mich von da an in den Bann gezogen. Weitere Forschungs- und Arbeitsaufenthalte insbesonders auf dem Land und mit ethnischen Gruppen schlossen sich an. Zwischendurch habe ich einen praxisorientierten Postgraduiertenstudiengang im Bereich der Beratung von Entwicklungsprojekten absolviert und später eine Weiterbildung in systemischer Beratung. Damit habe ich mir das grundlegende Handwerkszeug angeeignet, das ich bis heute nutze.

Amazonas 2011_BooteBrasilien: Boote in Amazonien

Seit 2000, also bald schon 15 Jahre, bin ich selbstständig  als Prozessbegleiterin, Trainerin, Beraterin und Coach im interkulturellen Umfeld tätig. Ich begleite Unternehmen wie non-profit Organisationen in Fragen der interkulturellen und internationalen Zusammenarbeit.  Häufig handelt es sich dabei um Trainings oder Workshops, in denen die Teilnehmer ihre Kommunikation-  und Umgangsweisen in internationalen Teams reflektieren und bearbeiten. Oder ich coache Führungskräfte, die etwa vor der Aufgabe stehen, Mitarbeiter in anderen Ländern zu führen, und dabei kulturell wie auch räumliche Distanz überwinden müssen. Mein Klassiker, mit dem ich einst in die Selbstständigkeit gestartet bin,  ist allerdings die interkulturelle Vorbereitung von Fach- und Führungskräften auf Ihre Tätigkeiten in Brasilien. Meine ersten Kunden aus dieser Anfangszeit fragen dieses  Coaching  auch heute noch regelmäßig nach. Das sind nur einige Beispiele. Meine Tätigkeit ist vielfältig und entwickelt sich ständig.

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 Ricarda Gregori in ihrem manchmal auch improvisierten Seminaralltag

Hat Ihr berufliche Weg Ihr Privatleben beeinflusst? Wie?

Ja, natürlich hat er das und wie! Ich habe ab dem Studium für die nächsten circa 20 Jahre häufig den Wohn- und Standort im Inland wie auch im Ausland gewechselt, 1 Jahr hier, 6 Monate dort, 3 Jahre wieder woanders usw. Das hat bewirkt, dass ich mich nirgendwo „niedergelassen“ habe und meine sozialen Kontakte in der Welt verstreut waren (damals übrigens noch überwiegend ohne Internet). Gleichzeitig habe ich mich an den Orten, an denen ich war, meist als Neuling oder als Fremde gefühlt. Mir hat dieses Leben weitgehend  entsprochen und es ist mir lange gar nicht in den Sinn gekommen, dass z.B. Familie und Kinder auch eine bedenkenswerte Option in meinem Leben sein könnten.

Zwar wohne ich jetzt seit über 10 Jahren an einem Ort  und zwar mehr oder weniger seit dem Moment, in dem mein Sohn geboren wurde. Trotzdem spüre ich  ein „inneres Nomadentum“ immer noch. Auch wenn es mir gefällt, wo ich bin, fühle mich eigentlich nicht „sesshaft“ oder „heimisch“.

Also hat mein beruflicher Weg eigentlich nicht nur mein Privatleben beeinflusst, sondern meine ganze Art, mich in der Welt zu fühlen und zu bewegen. Oder ist es umgekehrt, hat letzteres meinen beruflichen Weg geprägt? Gute Frage!


Ich finde, Sie sind einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Stimmt das aus Ihrer Sicht? Was ist für Sie persönlich das Ungewöhnliche daran?

Es war ein ungewöhnlicher Weg, denn er entsprach keiner vorgezeichneten Laufbahn. Ich würde sagen, ich gehöre zur Generation der Pioniere in meinem Feld in Deutschland.  Es gibt  auf meinem Weg eine grundlegende inhaltliche Kontinuität, nämlich die Beschäftigung mit „dem Fremden“ oder mit den Unterschieden in Denk- und Lebensweisen. Dieses zentrale Thema hat sich immer weiter herauskristallisiert.  Die Umfelder und Ansatzpunkte haben jedoch recht  krasse Wechsel erfahren und das passiert auch heute noch. Ich glaube, genau das ist auch etwas sehr Spezielles an meinem Weg:

Ich habe im ersten Teil meines Berufsweges, den ich den eher „ethnologischen“ nenne, in kleinbäuerlichen abgelegenen  Dörfern in Brasilien mit Nachkommen der schwarzen Sklavenbevölkerung  gearbeitet. Ich habe dort das Alltagsleben „erforscht“ und selber mitgelebt. In der Ethnologie nennt man das „teilnehmende Beobachtung“.  Ich wollte aus nächster Nähe etwas über die andere Kultur und Lebensweisen erfahren.  Das war oft sehr abenteuerlich.

frechal Dorotea mit pilaoBrasilien: Reisdreschen im Hinterhof meiner „Gastfamilie“

Ich war da meistens ein sehr offensichtlicher „Fremdkörper“. Die Menschen um mich herum und ich – wir waren von außen gesehen so verschieden, wie man verschiedener wohl nicht sein kann. Trotzdem ist es mir immer wieder passiert, dass nach einiger Zeit und tieferem Kennenlernen ein Verständnis vom jeweils anderen entstanden ist,  seinen Wünschen, Motiven, Fragen und Begrenzungen. Damit waren die Unterschiede waren zwar noch da, aber nicht mehr so ausschließlich und kategorisch.  So ist eine Verbindung entstanden, eine Brücke, über die Verständigung eben auch über unsere Unterschiede und Besonderheiten möglich wurde. Das war eine prägende Erfahrung für mich.

Frechal Kind auf Ochsenkarren

Brasilien: Kind auf Ochsenkarren

In ähnlichen Umfeldern- nämlich in Entwicklungsprojekten mit indianischen Gemeinschaften- habe ich später auch meine ersten Erfahrungen als Beraterin und Prozessbegleiterin gemacht und dieses Art zu arbeiten für mich entdeckt.

Mit diesem Erfahrungspaket ausgestattet bin ich vor 15 Jahren in die Selbstständigkeit gegangen und habe von Anfang an Aufträge bei großen Unternehmen z.B. in der Automobilbranche übernommen. Das war ein totaler Wechsel der Szenerie! Die Welt des Managements hat mir zu Beginn wahrscheinlich ähnlich „exotisch“ angemutet wie die der Dörfer in Brasilien. Auch hier waren mir unbekannte Kulturen zu entdecken.

Das Erstaunliche ist, dass das ziemlich reibungslos funktioniert hat und dass – ungeachtet der objektiven Unterschiede, die grundlegenden Fragen und Motive dieser „Welten“ mir so verschiedenen gar nicht vorkamen.

Ricarda Gregori_MG_6551-kleinIn den vergangen Jahren hatte ich es überwiegend mit Führungskräften und Managern zu tun, die ihre Aufgaben innerhalb komplexer global vernetzter Arbeitsbeziehungen wahrnehmen. Das sind überwiegend Deutsche, aber auch Amerikaner, Japaner, Franzosen usw. Es gibt weiterhin immens viel für mich zu entdecken und zu verstehen und ich glaube der Blick der Ethnologin ist mir nützlich geblieben.

Nach wie vor schätzte ich es, meine Arbeitskontexte und das Zielpublikum zu wechseln. Ich finde es enorm bereichernd neben Unternehmen z.B. auch soziale Organisationen zu meinem Kunden zu zählen, deren Fragestellungen sich auf das Zusammenleben  verschiedener  Kulturen hier in Deutschland beziehen.

Ich glaube, dass dieser Wechsel der Zusammenhänge und der Umgang mit Widersprüchen dabei, ein Spannungsfeld entsteht, das meiner Arbeit Kraft und Intensität verleiht.


Wenn Sie sich in die Zeit zurückversetzen, in der Sie – sagen wir – 18 Jahre alt waren: Wie hätten Sie über Ihre heutige Situation gedacht? Hatten Sie eine Ahnung davon, geplant/gedacht/gehofft, dass Sie diesen Weg gehen würden?

Als ich am Anfang meines Berufsweges stand, hatte ich sicherlich keinen Schimmer davon, dass ich diese Richtung nehmen würde. Das Berufsbild „interkulturelle Beraterin“ gab es vermutlich noch gar nicht. Mein Leitmotiv war tatsächlich „Wissensdurst“, bezüglich fremder Lebenswelten.  Ich habe damals eher diffus meinen Weg als eine wissenschaftliche und forschende Karriere gesehen.

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Brasilien: Ein Kind beim Fischen

Aus heutiger Sicht betrachtet: Ist es der richtige Weg gewesen? Warum?

Was ich heute mache, passt zu mir. Ich kann mich voll und ganz damit identifizieren. Der Weg dahin war oft anstrengend, ich hätte es mir manchmal leichter gewünscht. Denn wenn das Berufsbild und der Weg nicht vorgezeichnet ist,  bedeutet das laufende Überlegung und immer wieder Eigeninitiative. Aber letztlich passt auch das zu mir. Ansonsten glaube ich, dass es für die meisten Menschen mehr als nur den einen „richtigen Weg“ gibt.


Gab es Zeiten in Ihrem Leben, in denen Sie gezweifelt haben? Wenn ja: Wie sahen diese Zweifel aus? Warum haben Sie gezweifelt? Und wie sind Sie damit umgegangen, was hat Ihnen besonders geholfen?

Bei mir gibt es immer wieder Zweifel. Nicht so sehr an dem inhaltlichen Tun: ich bin mir sicher, dass das internationale und interkulturelle Beratungsfeld „mein Ding“ ist. Jedoch an der Sinnhaftigkeit von Aufgaben. Für mich muss meine Tätigkeit vor allem Sinn mache und ich muss spüren, das ich wirksam sein kann. Ich finde, es hilft zu wissen, warum man eine Arbeit tut – und zwar über die Sachzwänge hinaus.


Gab es – rückblickend gesehen – einen Moment, an dem Sie sich ganz bewusst für genau diesen Weg entschieden haben? Oder wie verlief das für Sie?

Es gab immer wieder Weggabelungen, wo ich mich gegen die eine und für die andere Richtung entschieden habe. Gut in Erinnerung ist mir ein Moment ganz am Anfang: Ich erwähnte schon, dass ich vorhatte, Medizin studieren und ich hatte mich auch schon für einen Studienplatz beworben. Dann kam ich von meiner Rucksackreise zurück und bekam fast gleichzeitig über die Kirchengemeinde meiner Stadt das Angebot, mich einer kleinen Gruppe junger Leute anzuschließen, die eine Hilfslieferung nach Süditalien bringen wollte, wo gerade ein schweres Erdbeben stattgefunden hatte. Ich war sofort dabei und kaum in am Zielort angekommen, erreichte mich der Anruf von zuhause: Du hast einen Studienplatz bekommen und auch noch in der Stadt deiner Wahl.

Ich glaube, da habe ich keine 10 Sekunden überlegt. Ich war mir sicher, dass das was ich da gerade in Süditalien machte – nämlich „fremde Welten“ kennenlernen und dabei auch noch nützlich sein, soviel spannender für mich war als alles andere. Das war sicher keine durchdachte Entscheidung, aber intuitiv die richtige.


Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt, lautet: Wie findet man neue, spannende Ziele, wenn ein ursprüngliches Ziel erreicht ist? Wie lautet Ihre Antwort darauf? Wie gehen Sie mit dieser Frage um?

Es ist mir selten so gegangen, dass ich ein Ziel für erreicht erklärt habe. Manche Ziele habe ich nie erreicht, andere haben sich direkt weiterentwickelt. Es hat sich ein neues Ziel daraus ergeben. Völlig neue Ziele „springen“ mich manchmal an, d.h. ich spüre spontan, dass mich eine Sache interessiert und dann versuche ich eine Strategie dazu zu entwickeln.

frechal Kinder mir Stelze 2Brasilien: Die drei jüngsten Geschwister (von acht) meiner „Gastfamilie“

Gibt es derzeit ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Mich beschäftigt seit geraumer Zeit das Thema der neuen Einwanderung in Deutschland.

Damit meine ich das Bemühen, das es um die Rekrutierung und die Integration ausländischer Fachkräfte gibt und die Etablierung einer so genannten „Willkommenskultur“.

Ich finde, da tut sich eine beachtliche Entwicklung auf, weg von dem jahrzehntelangen Dogma, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Ich wünsche mir, dass aus dieser Debatte entsprechende Taten hervorgehen und dass dies über die wirtschaftliche Argumentation hinaus  in der Mitte der Gesellschaft ankommt.  Ich meine, unsere Gesellschaft könnte immens von einer solchen Veränderung profitieren.

Bei diesem Thema kommt für mich vieles zusammen, was mich seit Jahren professionell und persönlich umtreibt.  Deshalb möchte ich gern in diesem Zusammenhang  mitwirken. Ich habe  ein Konzept zur Integration ausländischer Fachkräfte in kleine und mittlere Betriebe entwickelt und ich bin dabei, potentielle Interessenten anzusprechen.


Work-Life-Balance ist für viele ein großes Thema. (Wie) schaffen Sie das bzw. welchen Tipp können Sie aus Ihrer Erfahrung zu dieser Herausforderung geben?

Als Selbstständige kann ich Arbeit und Freizeit nicht gut auseinander halten. Das ist auch für mich immer wieder ein Problem.  Ich bin sehr zufrieden damit, dass ich über die letzen Jahre verbindlich in einem Chor, einem brasilianischen übrigens,  mitsinge, mich auf Konzerte vorbereite usw. Außerdem habe ich die Aquarellmalerei für mich entdeckt und nehme regelmäßig an Kursen und Workshops teil. Dabei kann ich wunderbar abschalten. Mir persönlich hilft es, dass ich für diese Aktivitäten Mitstreiter habe und verbindliche Termine.

Mit einigen Chorkolleginnen von brasil. Chor Encanto Stuttgart2

Mit einigen Chorkolleginnen von brasilianischen Chor Encanto Stuttgart

 

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Aquarell: Blätter

Haben Sie einen Tipp für jemanden, der an einem Punkt im Leben steht, an dem er/sie nicht genau weiß, wie es weitergehen soll? An dem er/sie sich vielleicht sehr alleine fühlt?

Ich  halte solche Momente manchmal für notwendig, denn das bedeutet ja auch einmal innezuhalten und sich zu fragen, was man wirklich möchte und braucht.


Das Thema dieser Interview-Serie ist „I do it my Way“, angelehnt an den Titel eines bekannten Frank Sinatra Titels, in dem er seinen Umgang mit Niederlagen und seinen persönlichen Weg beschreibt. Gibt es einen Song, ein Buch, ein Gedicht, ein Kunstwerk oder ähnliches, das Ihre Haltung zu diesem Thema einfängt?

Ich habe leider keinen spezifischen Titel. Ich finde allerdings die Lektüre von  Biographien, insbesondere die von mutigen Frauen, hierfür inspirierend. Ich habe zuletzt  mit Faszination die über Lou Andreas-Salome  gelesen.


Gibt es noch etwas, das Ihnen in diesem Zusammenhang wichtig ist?

Das Thema dieses Interviews ist ausgeprägt eines der modernen westlichen Welt. Trotzdem gab und gibt es überall auf der Welt Menschen, die sich trauen etwas anderes und ganz Eigenes zu machen. Ich fände es spannend, dieses Thema beispielsweise einmal mit meinen Kunden aus Indien oder Japan anzusprechen.

Das werde ich mir direkt notieren!


Das finde ich auch ein sehr spannendes Thema. Es würde mich freuen, wenn wir hier auf diesem Blog davon erfahren würde.

Wie könnnen unsere Leser/innen Sie im Internet finden?

Meine Website ist: www.con-cipio.de, dort finden Sie alle meine Kontaktdaten.

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 Brasilien: Acai-Handel in Amazonien

 

 

 

 

 

 

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freyflug: Der eKurs schließt zum 15.11.14

ff endet

WANN WIRD freyflug WIEDER ANGEBOTEN?

Ich weiß es nicht. Vielleicht gar nicht. Frühestens Ende 2015.

Aber noch gibt es ihn – und noch dazu die Möglichkeit, einen Platz zu gewinnen.

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Was ist EMDR?

Seit einigen Jahren bin ich überzeugt von der EMDR-Behandlungsmethode und habe inzwischen auch große Erfahrung in der Anwendung (hier und hier habe ich bereits darüber geschrieben). Immer wieder bin ich verblüfft und berührt, welche Veränderungen mit EMDR möglich sind. „Psychotherapie 2.0″ hat es einmal eine Patientin genannt, die sich zuvor jahrelang vergeblich um Veränderung bemüht hatte.

Aber was ist EMDR eigentlich? Das fällt mir immer noch schwer zu erklären. Eine auf den ersten Blick  merkwürdig wirkende Methode. Der der Ruf voraus eilt, in Windeseile quasi Wunderheilungen vollbringen zu können.

emdr videoJa, EMDR wirkt zunächst merkwürdig. Anders als bekanntere Therapieformen. Und ja, die Behandlungserfolge sind beeindruckend. Wenn auch nicht immer so schnell, wie erhofft (manchmal aber doch und manchmal auch schneller, als man zu hoffen gewagt hätte).

Aber es ist alles andere als eine „Eso-Technik“ oder „Psycho-Zauber“. Im Gegenteil. EMDR ist inzwischen mehr und gründlicher beforscht als jede andere psychotherapeutische Methode.

Mit überzeugenden Ergebnissen: 2006 hat der Deutsche Wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie EMDR zu einer von zwei wirksamen Behandlungsmethoden  der Posttraumatischer belastungsstörung (PTSD) erklärt (Kognitive Verhaltenstherapie ist die andere) . Und die Weltgesundheitsorganisation („WHO“) hat sich dem 2013 angeschlossen. Am 16.10.14 hat nun auch der „Gemeinsame Bundesausschuss“ den Beschluss veröffentlicht, EMDR zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung zuzulassen (hier). Voraussetzung dafür ist (natürlich), dass der Therapeut qualifizierter EMDR-Therapeut ist und eine Kassenzulassung besitzt.

Nun hat die deutsche Fachgesellschaft für EMDR („EMDRIA„) einen etwa 5minütigen Videofilm veröffentlicht, in dem genauer erklärt wird, was EMDR eigentlich ist.

Schauen Sie sich den Film an (hier klicken), wenn Sie mehr über EMDR wissen möchten!

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Dagmar Kittelmann: „I Do It My Way“

logoIn der Interview-Serie „I Do It My Way“ stelle ich Menschen vor, die einen nicht ganz gradlinigen Weg hinter sich und einiges zu erzählen haben. Die Serie soll Mut machen und aufzeigen, dass „Erfolg“ nicht immer stromlinienförmig aussieht.

Viel Freude damit!


Dagmar Kittelmann ist wirklich einen ungewöhnlichen Weg gegangen – und das Glück darüber leuchtet aus allen ihren Zeilen (und erst recht aus den Fotos!). Ich freue mich sehr über dieses Interview, das Mut macht, seinen Träumen zu folgen, auch wenn sie auf mancherlei Umwege zu führen scheinen.


Wie haben Sie beruflich gestartet? Und was ist ihr Beruf, was Ihr wichtigstes Tätigkeitsfeld heute?

DSC05968Angefangen habe ich mit einer Ausbildung zur Arzthelferin, aber das war nicht so  mein Ding. Fand ich auf Dauer zu langweilig. Nach der Ausbildung habe ich mich deshalb entschieden, erst einmal ein Jahr in England zu verbringen und dann ein Jahr mit meiner besten Freundin durch die Welt zu reisen, wobei Australien das wichtigste Ziel war.

Das war schon lange ein Traum: Reisen ins Land der Koalas, der Kängurus und der Aborigines. Als Andrea und ich nach einem Jahr reisen wieder in Frankfurt landeten, war mir unser Dorf im Oberbergischen zu klein und ich bin nach Köln gezogen, um mein Abi nachzumachen. Stadtleben? Genial und dabei noch vom Staat finanziert das Abitur nachholen dürfen. Ich habe es genossen, allerdings konnte man mit einem Notendurchschnitt von 2,4 nicht das  studieren, was ich wollte, bis ich dahinter kam:

Ich wusste überhaupt nicht was ich wollte und wenn ich ganz ehrlich sein soll, ist mir das bis vor 7 Jahren so gegangen. Ich fand vieles nett, interessant, und als ich 1990 in die Niederlande gezogen bin (mein Mann ist Niederländer), habe ich eine Ausbildung als Fotografin in der Niederlande gemacht, habe Kommunikation an der Fachhochschule Eindhoven studiert und ein Aufbaustudium Management und zu guter Letzt noch eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin gemacht, die ich aber nicht abgeschlossen habe, weil ich mal wieder dahinter kam: sehr, sehr interessant, aber doch nicht etwas das ich mir (haupt) beruflich als Beschäftigung vorstellen konnte.

Ich, die furchtbar gerne zuhause ist (und ihr Home-Office genial findet), sollte auf einmal „reisen“, wobei das Reisen eigentlich nur bedeutet hätte, dass ich von einem Patienten (Pferd, Kuh oder ein anderes Großtier) zum nächsten hätte fahren müssen und für ein paar Patienten mindestens die Hälfte des Tages im Auto bzw. auf der Autobahn verbringen und da dachte ich: Nö, ist nicht mein Ding.

Bis mich ein Freund gefragt hat: Warum übersetzt du nicht für Firmen in der Niederlande? Deutschland ist der wichtigste Handelspartner. Und nachdem ich erst noch dachte: Wer braucht denn Übersetzungen? habe ich 2006 mein Übersetzungsbüro eröffnet und wusste endlich: DAS ist es. Endlich (beruflich) angekommen. Ich liebe die Spielerei mit Wörtern und Sätzen, darf in viele „Firmenküchen“ gucken und kann zuhause arbeiten, habe keine nervigen Kollegen und kann mein Übersetzungsbüro so gestalten, wie ich will. Wenn ich gewusst hätte, wie genial das ist, ich hätte mir den langen Umweg über die Gründung eines PR-Büros in Eindhoven und das Angestelltendasein bei der Fachhochschule in Eindhoven sparen können, aber ja, manche Dinge weiß frau halt erst hinterher.


Hat Ihr berufliche Weg Ihr Privatleben beeinflusst? Wie?

Ja, sehr. Zum Einen, weil ich oft unzufrieden war und Funktionen ausübte, bei denen ich mich gefragt habe: How dit I get here?, wie beispielsweise eine Stelle bei einer Werbeagentur, bei der dem Kunden der rote Teppich ausgelegt wurde und auch wie wild Honig um den Mund geschmiert wurde, aber sobald er weg war, machte man sich furchtbar lustige über ihn…

Aber andererseits habe ich auch immer mit viel Begeisterung von meinen Ausbildungen und vor allem von meiner beruflichen Phase zu Beginn meines Lebens in NL erzählt. Der wichtigste Schritt war ganz bestimmt der, als freiberufliche Übersetzerin zu arbeiten, weil ich bzw. wir so die Chance hatten, uns in Deutschland auf einem alten Hof in Norddeutschland zu festigen und ich endlich einen langersehnten Traum wahr machen konnte: ein eigenes Pferd am Haus (es sind mittlerweile zwei Pferde, weil man eines nicht alleine halten darf).

DSC06331Das war für mich ein Riesenschritt und ich muss gestehen, dass mir das Leben in Deutschland nicht immer gefällt. Die Leute, die ich hier treffe, sind sehr, sehr nett, aber (auch auf die Gefahr hin, dass sich jemand über mich ärgert…), sie sind auch einfach „furchtbar deutsch“:

Das System ist nicht gut, der kleine Mann hat’s schwer und wie will ich denn mal leben ohne Rentenansprüche? Dann vermisse ich die Brabantse Mentalität von ganzem Herzen, die Lockerheit der Niederländer, ihren Optimismus…., aber da solche Höfe mit Land in Holland absolut unbezahlbar waren, haben wir doch den Schritt gewagt.

 

Wenn ich morgens rausgehe, den Hühnern Wasser und Körner bringe, die Hunde rauslasse und den Pferd ihr erstes Frühstück gebe, fühle ich mich so reich und wenn ich dann an meinen Schreibtisch gehe und eine Arbeit mache, die mir so viel Spaß macht, denke ich immer: Hab ICH es gut!

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Ich finde, Sie sind einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Stimmt das aus Ihrer Sicht? Was ist für Sie persönlich das Ungewöhnliche daran?

Das ist schwer zu sagen. Vielleicht war das Ungewöhnliche daran, dass ich schon früh das Gefühl hätte, ausbrechen zu müssen.

Aus der Enge einer Kleinstadt. Aus der Praxis, in der ich meine Ausbildung gemacht habe. Aus den Zwängen meiner katholischen Erziehung.

Mein Weg war alles andere als gradlinig. Es gibt Leute, die wissen schon früh, was sie machen möchten. Ich wollte ursprünglich Tierärztin werden, aber als ich dann endlich die Chance bekommen habe (mein Mann hatte angeboten, das Studium in Utrecht zu finanzieren), war ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich das war, was ich wollte.

Aber vielleicht war ja gerade das Ungewöhnliche, dass ich trotz fehlender Gradlinigkeit das Gefühl habe, am Ziel zu sein.


Aus heutiger Sicht betrachtet: Ist es der richtige Weg gewesen? Warum?

Was ist ein „richtiger Weg“? Es gibt vielleicht einige Dinge, die ich aus heutiger Sicht anders machen würde, aber wenn ich mir das Ergebnis meiner langen Suche / Reise ansehe, bin ich doch sehr zufrieden mit meinem Leben auf dem Lande und meiner Arbeit als Übersetzerin. Besser geht ́s nicht.

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Gab es Zeiten in Ihrem Leben, in denen Sie gezweifelt haben? Wenn ja: Wie sahen diese Zweifel aus? Warum haben Sie gezweifelt? Und wie sind Sie damit umgegangen, was hat Ihnen besonders geholfen?

Ich habe ganz, ganz oft gezweifelt, was vielleicht auch mit meiner deutschen/katholischen Erziehung zusammenhängt: Man macht eine Ausbildung und arbeitet dann darin, bis man entweder heiratet und Kinder bekommt, geht dann wieder arbeiten und mit 65 in Rente. Ich konnte mir aber bei keinem der Jobs vorstellen, diesen bis zur Rente zu machen. Das machte mich immer ganz unruhig. Was wollte ich bloß mit meinem Leben anfangen? Diese Frage und die Zweifel die damit zusammenhängen, bezogen sich allerdings (fast) immer nur auf mein Berufsleben. Ich glaube, eines der wichtigsten Dinge, um diese Zweifel zu bekämpfen, war mein Umzug in die Niederlande (mein Mann ist Niederländer): unsere Nachbarn sehen das Leben nämlich viel lockerer und als ich mit 28 das anfing, Kommunikation zu studieren, haben meine deutschen Freunde und Familienmitglieder die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen: WAS?

Du willst in dem Alter noch studieren? Unsere niederländischen Freunde und Bekannte meinten dagegen nur: super. Viel Spaß, hoffentlich gefällt es dir. So viel zum Unterschied zwischen Deutschen und Niederländern (wobei die Brabanter schon ein ziemlich eigenes, sympathisches und optimistisches Völkchen sind…).


Wenn Sie sich in die Zeit zurückversetzen, in der Sie – sagen wir – 18 Jahre alt waren: Wie hätten Sie über Ihre heutige Situation gedacht? Hatten Sie eine Ahnung davon, geplant/gedacht/gehofft, dass Sie diesen Weg gehen würden?

Mit 18 hatte ich soeben meine Ausbildung als Arzthelferin abgeschlossen und habe mich gefragt: Ist das alles? Möchte ich dies ein Leben lang tun und möchte ich in der Kleinstadt bleiben, in der ich geboren und aufgewachsen bin und meine Antwort lautete: Nein. Ich wollte etwas von der Welt sehen, wollte Vieles ausprobieren, nicht stillstehen. Ich wollte lernen, Neues erleben und mich nicht von der Meinung anderer oder von meiner Erziehung einschränken lassen und ich finde, das ist mir ganz gut gelungen.

Gab es – rückblickend gesehen – einen Moment, an dem Sie sich ganz bewusst für genau diesen Weg entschieden haben? Oder wie verlief das für Sie?

Vieles verlief bei mir eher ungeplant und weniger bewusst, als man vielleicht meinen sollte. Viele Entscheidungen habe ich getroffen, weil mir in dem Moment keine bessere Alternative vorschwebte, aber eine wirklich wichtige Entscheidung habe ich getroffen, als mein damaliger Geschäftspartner und ich von einem Geschäftsessen kamen, bei dem wir mit den beiden Geschäftsführern eines anderen Büros über den Kauf von Büroräumen sprachen und ich dachte: Nein, ich will kein Büro kaufen, ich möchte ein Pferd kaufen und das war die Entscheidung, die mein Leben auf den Kopf gestellt hat. So gesagt, so getan. Vor dem Kauf meines Pferdes Vanzetti habe ich meinem Geschäftspartner mitgeteilt, dass ich aussteigen wollte: PR-Arbeit war sehr nett, aber ich wollte Firmen bezüglich ihrer Kommunikationspolitik beraten, die meisten Firmen dagegen beauftragten uns mit der Produktion von Kommunikationsmitteln und das war mir zu wenig.

Nachdem ich die Anfangszeit mit meinem Pferd Vanzetti sehr genossen habe, war mir doch klar, dass ich a) beruflich wieder etwas „Anständiges“ machen wollte, nur Pferd war mir zu wenig geistige Herausforderung und b) dass ich meinen Vanzetti nicht in der Obhut anderer lassen möchte (und dass mir dieses Drumherum im Reitstall furchtbar auf den Geist ging) und um ihn am Haus halten zu können, hätten wir entweder im Lotto gewinnen müssen oder nach Deutschland ziehen, weil Höfe mit Land in der Niederlande leider absolut unbezahlbar sind. „Zum Glück“ erlebte meine Mann fast zeitgleich eine berufliche Krise und er war bereit, diesen Schritt mit mir zu gehen.


Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt, lautet: Wie findet man neue, spannende Ziele, wenn ein ursprüngliches Ziel erreicht ist? Wie lautet Ihre Antwort darauf? Wie gehen Sie mit dieser Frage um?

Vielleicht sollte die Frage anders lauten? Wie viele spannende Ziele braucht ein Leben? Ich möchte ehrlich gesagt, keine spannenden Ziele mehr haben, nur noch kleine, nette Herausforderungen. Meine großen Ziele habe ich alle erreicht und nein, mein Leben ist NICHT langweilig , finde ich. Meine Herausforderungen liegen im Bereich meiner Übersetzungsarbeit: Wie komme ich auch in Zukunft an Kunden? Welche Weiterbildungen brauche ich? Und der Arbeit mit den Pferden: Ich möchte besser reiten lernen und nächstes Jahr muss unser Noriker (Kaltblut, 3,5 Jahre, 700 Kilo) eingeritten werden. Dafür suche ich noch eine(n) Freiwillige(n)…


Gibt es derzeit ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ja, der Tierschutz.

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Dank Facebook wird mir (leider) jeden Tag bewusst, dass es da „draußen im wirklichen Leben“ oft viel schlimmer zugeht, als ich dachte. Egal, ob es um diese blöden Kutschfahrten in New York geht oder die Massentierhaltung: Ich habe immer das Gefühl, man könne nie genug tun. Letztens bekam ich eine Einladung per FB zu einem Lobster-Festival, als ich dann aber fragte, ob die Tiere (deren Tod durch den Panzer ziemlich lange dauert ) immer noch lebend in kochendes Wasser geworfen werden, war die Absenderin total betroffen, weil sie das nicht wusste… leider nur ein kleiner Schritt, aber besser als nichts tun. Außerdem biete ich mich hier in der Nachbarschaft als Hofhilfe an, wenn Not am Mann/Frau ist.


Work-Life-Balance ist für viele ein großes Thema. (Wie) schaffen Sie das bzw. welchen Tipp können Sie aus Ihrer Erfahrung zu dieser Herausforderung geben?

Diese Balance ist für Leute die zuhause arbeiten schwer zu finden und noch schwerer, wenn frau zudem Hobbybauer ist, aber das macht mir nichts aus. Ich liebe meinen Job und muss immer über mich selber lachen, wenn ich mir vornehme: Morgen ist mein freier Tag, weil ich auch an „freien Tagen“ die Tiere versorgen muss, den Stall ausmisten, die Weide abäppeln, den Bauerngarten versorgen, die Weide mähen etc. etc.

Haben Sie einen Tipp für jemanden, der an einem Punkt im Leben steht, an dem er/sie nicht genau weiß, wie es weitergehen soll? An dem er/sie sich vielleicht sehr alleine fühlt?

DSC06691Es scheint mir fast unverschämt, für so einen Fall Tipps und Ratschläge geben zu wollen. Ich habe mich bei allen wichtigen Entscheidungen immer gefragt: „Was ist das Schlimmste, das (mir) passieren kann?“ Und habe dann immer festgestellt: Soooo dramatisch kann es gar nicht werden. Das mache ich heute noch oft so. (Übrigens ist das Schlimmste für mich, dass eines meiner Tiere krank ist oder dass meine Internetverbindung ausfällt, mein Tor zur Welt….) und wenn dann am 1. Weihnachtstag der Stall unter Wasser steht oder unser Jonas über das bäuerliche Nachbarsfeld im Schweinsgalopp den Boden umpflügt, denke ich: Ach, wenn ich nicht mehr Probleme habe …. Das denke ich aber erst hinterher: Erst muss ich den Bengel wieder nach Hause locken.


Das Thema dieser Interview-Serie ist „I do it my Way“, angelehnt an den Titel eines bekannten Frank Sinatra Titels, in dem er seinen Umgang mit Niederlagen und seinen persönlichen Weg beschreibt. Gibt es einen Song, ein Buch, ein Gedicht, ein Kunstwerk oder ähnliches, das Ihre Haltung zu diesem Thema einfängt? Haben Sie einen Link zum Song/Buch etc.?

Ja, das Buch „Tracks“ (Spuren) von Robin Davidson hat mich in mehreren Aspekten geprägt, zum Einen, weil ich unbedingt Australien sehen wollte und fühlen wollte, wie es in der Wüste rundum den Ayers Rock ist (damals konnte man noch frei überall herumklettern, das darf man jetzt scheinbar nicht mehr) und zum Anderen, weil sie trotz aller Niederlagen und trotz der Kommentare aller möglichen Leute ihren Weg gegangen ist.

Und außerdem gibt es ein Lied von Herman van Veen, in dem er singt: „….wie oft nahm ich mir vor, zu sagen, zu sagen und nicht erst zu fragen, was andere etwa davon halten könnten und blieb am Ende wieder still….“. Ich wollte nicht still sein. Ich wollte den Mund aufmachen, wenn etwas nicht stimmt, und das habe ich auch fast immer im Leben gemacht und das fühlt sich gut an.


Gibt es noch etwas, das Ihnen in diesem Zusammenhang wichtig ist?

Ja. Ich stelle immer wieder fest, wie sehr Leute in ihren Mustern gefangen sind, das fällt mir vor allem hier in Deutschland auf, in der Niederlande bzw. in Brabant nehmen Menschen das Leben doch viel lockerer. Wenn ich mich den Erwartungen anderer „gebeugt“ hätte, wäre ich nie so weit gekommen. Man sollte viel mehr auf die eigene Intuition hören und nicht auf das was andere sagen („Ja, und deine Rentenversicherung?“ „Du willst ein Pferd kaufen? Du kannst doch nicht einmal reiten!“ (kann ich übrigens immer noch nicht besonders gut…) „Einen alten Hof kaufen? Du wirst auch nicht jünger!“ „Wie soll das denn gehen, wenn du 65 bist?“) …


Wie können unsere Leser/innen Sie im Internet finden (Website, Blogs,
Facebook, twitter etc)?

Über mein Büro, das sich noch in der Niederlande befindet
http://www.nedduits.de

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