Merkwürdige Frage?

Vielleicht auch nicht.

Psychotherapie findet typischerweise einmal pro Woche statt, eine Stunde.

Eine Woche hat 7x24 Stunden, also 168 Stunden. Abzüglich der Therapiestunde gibt es also 167 „Nicht-Therapiestunden“.

 

Psychotherapie als Wunderpille?

Viele Menschen kommen in Psychotherapie, wie man vielleicht zum Arzt geht: In der Hoffnung, der Fachmann/die Fachfrau hat „die Wunderpille“, die „richtige Antwort“, „die ultimative Problemlösung“.

Die verständliche Hoffnung ist, dass das Problem (die Ängste, die Depression, das Trauma, der Stress, die Essstörung etc.) „gelöst wird“. Passiv, vom Profi.

Gar nicht so selten höre ich als Antwort auf meine Frage „Was führt Sie zu mir, in Psychotherapie?“ eine Variation des Satzes: „Ich weiß auch nicht genau, mein Arzt (Mann, Frau, Lehrer etc) meint, es sei eine gute Idee“.

So verständlich der Wunsch ist, eine belastende Symptomatik endlich los zu sein. Und endlich „die richtige Adresse“ gefunden zu haben, die hilft. So wenig kann ein inneres Problem von außen gelöst werden. Durch einen „Profi-Tipp“ etwa.

„Was???“ ist dann typischerweise die Antwort. „Ich dachte, Sie sind Fachfrau für mein Problem? Warum soll ich denn dann zur Psychotherapie, wenn Sie mir auch nicht helfen können?“

Nachvollziehbare Frage.  Aber nicht die richtige Frage.

Die richtige Frage ist:

Was muss ich anders machen, damit es mir anders geht?

psychiatrist examining a male patientWie genau hilft Psychotherapie? Die Psychotherapieforschung hat viel dazu beigetragem, dass man inzwischen recht gut versteht, welche Faktoren wirklich dauerhaft  Veränderungen bewirken. Das weiß man heute wirklich viel besser, als noch vor ein paar Jahren. Trotzdem gibt es selten eine einfache Antwort.

 

Leider/glücklicherweise ist unsere Psyche doch recht komplex.

Kurz gesagt ist die Expertise eines Psychotherapeuten/einer Psychotherapeutin nicht, einem Patienten/einer Patientin zu sagen „wo’s lang geht“. Wenn das nützen würde, hätten wir alle keinerlei Problem. Denn theoretisch kennen wir meistens die Antwort. Oder können sie googeln.

Was eine Psychotherapie ausmacht, ist vielmehr, dass der Therapeut/die Therapeutin genau auf den Patienten/die Patientin abgestimmte Impulse gibt. Das können durchaus auch spezifische Informationen sein. Beispielsweise darüber, warum in einem bestimmten Fall (Warum ich? Warum jetzt?) eine Panikattacke auftritt. Und darüber, was sinnvollerweise die Schritte sind, die der/die Betroffene unternehmen kann, um wieder angstfrei leben zu können. Das ist natürlich nur ein klitzekleines Beispiel dafür, was in einer Psychotherapie passieren kann.

Mein Punkt hier ist, dass zwar die Expertise des Therapeuten/der Therapeutin wichtig ist. Beispielsweise um sein/ihr Wissen besizusteuern, was typischerweise zu einer Panikattacke führt. Hilfreich wird das aber erst in intensiver Zusammenarbeit mit dem/der Betroffenen, der/die ja Experte/Expertin für SEIN/IHR Leben ist.

Und dann ist der „Job“ der/des Therapeuten/-in, gute und weiterführende Fragen zu stellen. Ihre Antworten darauf kennt Ihr/e Therapeut/in nicht.

Wichtige Fragen, die Sie weiterführen können, sind:

    • Was bedeutet diese Erkenntnis wirklich für mich?
    • Welchen neuen Schritt kann ich wagen, um ein anderes „Ergebnis“ zu erzielen?
    • Wie gehe ich mit den Gefühlen um, die dabei vielleicht hockommen?
    • Wie überwinde ich eingefahrene innere Muster, die (vielleicht) ganz offensichtlich destruktiv sind?

[Tweet „Was muss ich anders machen, damit es mir anders geht?“]

Dann geht es um die Umsetzung. Denn das in der Therapie Erarbeitete „bringt“ nicht „an sich“ was (jedenfalls meistens. Manchmal kann es schon weiterbringen, wenn man etwas zB auf eine ganz neue Art sehen kann). Ihr/e Therapeut/in unterstützt Sie dabei, die richtige „Portion“ an Neuem zu versuchen und „am Ball“ zu bleiben, wenn es schwierig werden sollte. Denn neue Haltungen, neue Verhaltensweisen, neue Denkmuster anzuwenden ist wirklich schwer und dafür können wir alle oft Unterstützung gut gebrauchen.

Man könnte das alles auch so zusammenfassen:

In einer Psychotherapie-Stunde können nicht die 167 Stunden der restlichen Woche aufgewogen werden (ganz zu schweigen von all den Stunden in der Vergangenheit).

Wie kann Psychotherapie dann dennoch wirkungsvoll sein?

Was wirkt, ist der so genannte „Transfer“.  Also das Übertragen dessen, was in einer Therapiestunde (gemeinsam!) erarbeitet wurde, auf das eigene Leben.

Eine Therapie wird dann erfolgreich, wenn ein/e Patient/in das umsetzt, was er/sie mit Unterstützung des/der Therapeut/in IN der Stunde erarbeitet hat. Und die Erfahrungen daraus wieder mit in die Stunde bringt, zum weiteren gemeinsamen Be- oder Erarbeiten. Dann geht es nämlich nicht mehr darum, dass eine einsame Stunde gegen mächtige 167 Stunden steht, sondern dass in der Woche die Impulse zu Veränderungsprozessen aus der Therpiestunde weiter verarbeitet, umgesetzt und integriert werden.

Foto: Photo by Noah Silliman on Unsplash

Claudia Frey
Diplom-Psychologin Psychologische Psychotherapeutin

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