Was uns motiviert und wie wir motiviert bleiben

Als ich 25 war und kurz vor Ende meines Studiums stand, wollte ich unbedingt in Brasilien leben. Warum das so war, ist eine lange Geschichte, aber jedenfalls war es für mich zu diesem Zeitpunkt extrem bedeutsam. Ich habe alles, aber auch wirklich alles dafür getan, dieses Ziel zu erreichen. Meine Motivation war enorm.

Die Rahmenbedingungen hingegen waren nicht besonders gut: Ich war mitten im Abschlussexamen meines Studiums, ich hatte nicht viel Geld, ich hatte keinen Namen, der mir Türen geöffnet hätte oder ähnliches. Aber ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und ich habe mein Ziel erreicht (und mein Studium beendet). Heute weiß ich gar nicht mehr genau, wie ich das geschafft habe: Ursprünglich hatte es wie ein komplett verrücktes und unmögliches Ziel gewirkt – und etwa ein Jahr später saß ich unter Palmen. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens gewesen, mir dieses Ziel zu setzen (allerdings nicht wegen der Palmen…) und alles dafür zu geben, es auch zu erreichen.

Meine Motivation war also extrem hoch gewesen, ebenso mein intensiver Einsatz dafür.

 

Klare Ziele setzen

Vor einiger Zeit hat mir Prof. Dr. Joachim Funke von der Universität Heidelberg ein Interview zum Thema Motivation gegeben (das ganze, sehr lesenswerte Interview ist hier). Dabei hat er vieles gesagt, das interessant und wichtig war, unterer anderem:

Gute Motivation entsteht bei klaren Zielen, vor allem bei Zielen, die unserem Leben einen Sinn geben (Prof. Dr J. Funke) Blogpost #motivation Klick um zu Tweeten

 

Klare, persönlich wichtige Ziele setzen

Ich hatte mir damals ein sehr klares Ziel und das hat mich über diese ganze Zeit getragen. Es war quasi wie in ein GPS-System einprogrammiert und hat mich dann geleitet, anstehende Entscheidungen erleichtert und in schwierigen Situationen geholfen, am Ball zu bleiben. Dieses Ziel half mir, auch in scheinbar aussichtslosen Momenten weiter zu machen, bis ich dann wirklich in Brasilien leben konnte.

Aber dann, anderes Beispiel: Die Neujahrsvorsätze haben jetzt ungefähr Halbzeit. Wie sieht es derzeit damit bei Ihnen aus? Bei mir so mittel. Dabei war das Ziel „fit werden, endlich diese hartnäckigen Kilos loswerden“ ein durchaus klares und scharf definiertes Ziel. Wieso kommt mir das, jetzt im Juli, durchaus noch wie ein gutes, attraktives Ziel vor – aber ins Fitnessstudio bin ich schon lange nicht mehr gegangen?

Die gesamte Fitnessindustrie baut darauf, dass wir voller Elan beginnen und kurz danach still und leise aufgeben. Möglichst, nachdem wir ein Jahresabo, oder sogar einen zweijährigen Vertrag abgeschlossen haben (habe ich dieses Mal nicht – immerhin!).

Ein anderes Ziel, das ich hatte war, regelmäßig Blogposts zu psychologischen Themen zu schreiben. Und… bis jetzt bin ich noch dabei.

Warum klappt das eine und das andere nicht? Was passiert da im einen und im anderen Fall „auf dem Weg zum Ziel“ eigentlich in und mit uns?

 

Intrinsische und extrinsische Motivation

Das Konzept der „intrinsischen“ versus der „extrinischen“ Motivation ist weit verbreitet.

Intrinsische Motivation

Intrinsisch motiviert zu sein bedeutet, dass wir eine eigene, innere Motivation haben, die oft durch unsere Werte bestimmt wird: Mir ist es vielleicht ein wichtiger Wert, hilfsbereit zu sein, deshalb unterstütze ich andere, egal, wie die Außenwelt das sieht. Oder mir ist es wichtig, wirtschaftlich unabhängig zu sein, deshalb suche ich mir einen Job, bei dem mein Gehalt gesichert ist – das hat dann nichts mit der Rückmeldung von außen zu tun, sondern ist durch meine intrinsische Motivation gesteuert.

Extrinsische Motivation

Ein Verhalten kann aber auch extrinsisch gesteuert sein: Ich will den Eltern gefallen, die so etwas gut finden – und bin deshalb hilfsbereit. Oder die Anerkennung von außen treibt mich an, und ich will durch einen gewissen Status beeindrucken und deshalb will ich den Job mit dem guten Gehalt. Das wäre jeweils eine extrinsische Motivation.

Selbstverständlich ist es viel erfüllender, wenn die Motivation eine eigene, innere ist.

Klingt gut und sinnvoll. Natürlich muss es mein eigenes Ziel sein, das ich verfolge, wenn ich schon Kraft und Ausdauer reinstecke. Aber:

Ist das Konzept der „intrinsischen versus der extrinsischen Motivation“ hilfreich?

In meinem Fall ist das gar nicht so einfach zu wissen

  • in Brasilien zu leben war ein „intrinsisches“ Ziel. Ich wollte es von ganzem Herzen, gegen alle Widerstände. Oder? Meine Familiengeschichte hat viel mit Brasilien zu tun. Vielleicht war ich ja „extrinsisch“ motiviert, weil ich wusste, dass es manche Menschen in meinem Umfeld freuen würde?
  • Sport machen, ein paar Kilo abnehmen: Fühlt sich echt gut an, wenn ich mal dabei bin. Sehr intrinsisch. Oder vielleicht nur eine Reaktion auf die Programmierung der Werbeindustrie? Das wäre dann extrem extrinsisch!
  • Blogposts zu Psychologischem schreiben: Es macht mir Spaß (intrinsisch) geht aber von der Zeit ab, die ich für Privates habe (es wäre also ebenfalls intrinsisch, sich statt dessen mit einer Freundin zu treffen). Ich werde oft angesprochen und nach neuen Posts gefragt. Darauf zu reagieren, das wäre dann ja vermutlich extrinsisch. Also eine Mischmotivation?

Hm. Verwirrend. Ich bin nicht überzeugt davon, dass man wirklich gut zwischen einer intrinsischen und einer extrinsischen Motivation trennen kann.

Es gibt interessante Forschungsergebnisse, die bestreiten, dass das Konzept der „intrinsischen vs extrinsischen Motivation“ überhaupt haltbar ist*. Hier ein paar Argumente des Forschers Steven Reiss*.

 

Lebensmotive nach Steven Reiss

Steven Reiss argumentiert, dass die Unterscheidung zwischen „intrinsischer“ und „extrinsischer“ Motivation künstlich sei. Man habe, so sagt er, quasi im Labor viel zu simple Situationen untersucht – und dann die Laborsituation einfach auf unsere komplexe Lebenswelt übertragen. Und wir ticken nun mal etwas komplizierter als ein simples „innen“/“außen“. Herr Reiss hat dann in komplizierten Analysen „universelle Verstärker“ herausgearbeitet: Also das, was die meisten von uns ganz häufig antreibt.

Was er im Einzelnen sagt:

  • Unsere Motive sind viel zu vielfältig und vielschichtig um in eine schlichte Zweier-Kategorie zu passen.
  • Außerdem kritisiert er die experimentelle Untersuchung: der Effekt von einer neuen Belohnung (im Laborsetting) könne nicht mit langzeitlichen „echten“, uns wirklich wichtigen Belohnungen gleichgesetzt werden.
  • Er identifizierte in Folge mehrerer Faktorenanalysen 16 unterschiedliche universelle Verstärker – „die 16 Lebensmotive“, z.B. Anerkennung, Neugier, Familie, Ehre, Idealismus, Unabhängigkeit, Ordnung, Macht, Eros, Status, Rache.
  • Er argumentiert, und das scheint mir sehr nachvollziehbar, dass jeder von uns durch alle diese 16 Verstärker motiviert ist, jedoch in unterschiedlicher Ausprägung: Für genauere Infos hierzu müssten Sie seinen Artikel lesen (Quelle ist weiter unten zu finden).

Ob es genau diese 16 Motive nach Reiss sind, die mich (oder Sie) motivieren – ich weiß nicht. In der Psychologie und in der Psychologie-Forschung gibt es sehr viele Ergebnisse, die sich durchaus immer einmal wieder widersprechen. Das verstehe ich so, dass alles ganz schön kompliziert ist. Dennoch kann uns diese Art von Forschung ja wichtige Hinweise geben. In diesem Fall vielleicht:

Jeder Mensch hat verschiedene Motive in verschiedenen Lebensbereichen und es ist wichtig (allerdings nicht immer einfach), diese zu kennen, um seine Ziele auf eine gute und nachhaltige Weise erreichen zu können.

 

Was uns wirklich motiviert und wie wir motiviert bleiben können

Wenn ich also das bedenke, das ich von Stephen Reiss gelernt habe, dann sollte ich mir darüber klar werden, welche Lebensmotive ich in einer bestimmten Situation habe, in der ich Motivation aufbauen möchte. Denn Klarheit und Bewusstheit ist immer hilfreich. So kann ich mich besser steuern und meine Energie dafür verwenden, den richtigen Hebel anzusetzen.

Angenommen, ich will vielleicht fitter werden. Dann kann mein Motiv dafür sehr verschieden sein: Will ich Status? Anerkennung? Gesundheit? Je nachdem erreiche ich dieses Motiv durch mein Ziel, oder eben auch nicht. Denn es kann ja auch sein, dass mein Ziel ganz ungeeignet ist, um mein Motiv zu befriedigen, ich das anfänglich aber nicht weiß. Vielleicht will ich vielleicht das Motiv „Status“ durch einen fitteren Körper erreichen – und kaum komme ich dem Ziel näher, merke ich, dass mein Status genauso ist wie zuvor. Kein Wunder, wenn ich in einem solchen Fall nicht bei der Stange bliebe (vielleicht hätte ich in diesem Fall besser auf einen Porsche gespart, wer weiß…).

Sinnvoll wäre es, sich Ziele zu setzen, die gut zu unseren Lebensmotiven passen. Dann wird es einfach, wir fühlen uns zu unserem Ziel hingezogen, die einzelnen Schritte dorthin fühlen sich passend und gut an. Selbst wenn es mal anstrengend werden sollte, ist es kein Kampf.

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Der Preis der Veränderung

Es gibt aber noch ein wichtiges Element: Unsere Motivation verändert sich, wenn wir uns dem Ziel nähern.

  • Zuerst sind wir durch positive Aspekte des gewünschten Ziels motiviert („promotion motivation“): Ich fange z.B. mit Sport an und stelle mir vor, wie fit ich irgendwann sein werde. Eine zeitlang trägt das.
  • Je näher wir dem Ziel kommen, desto mehr sind wir aber durch Verantwortungsgefühl und dem Wunsch, Negatives zu vermeiden, motiviert („prevention motiviation“): Wenn ich eine Weile regelmäßig dreimal pro Woche trainiere, entspricht das vielleicht meinem Motiv nach Anerkennung und die bekomme ich am Anfang auch noch von allen Seiten. Irgendwann lässt das aber nach. Und im Laufe der Zeit wird außerdem spürbarer, dass ich für die Zeit im Fitnessstudio ein anderes, ebenso wichtiges Motiv aufgeben muss, vielleicht „Familie“. Für die habe ich jetzt nämlich keine Zeit mehr und vermisse das zunehmend.
  • Wenn ich dauerhaft bei einem Vorhaben bleiben will, wäre es wichtig, sich nach der anfänglichen Motivklärung immer einmal wieder damit zu beschäftigen, was der „Preis“ für die Veränderung ist („prevention motivation“). Im besten Fall kann ich auch das klären und eine für mich befriedigende Lösung finden (z.B. mit der Familie ins Studio gehen)

 

„Motivation“, also der „Motor“ hinter unseren Handlungen ist zentral wichtig, um sich besser zu verstehen und um sich besser lenken zu können. Und auch, um im Reinen mit sich zu sein.

Und das geht, auch wenn Ihre Neujahrsvorsätze schon lange vergessen sind.

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Quellen:
*Reiss, S. (2012). Intrinsic and extrinsic motivation. Teaching of Psychology, 39(2), 152-156
** Olya Bullard, Rajesh V. Manchanda. How goal progress influences regulatory focus in goal pursuit. Journal of Consumer Psychology, 2017; DOI: 10.1016/j.jcps.2017.01.003
Link + Quelle: https://www.sciencedaily.com/releases/2017/04/170403151140.htm

photos:
„Back view of strong motivated woman celebrating workout goals towards the sun. Morning healthy training success.“
Datei: #138946352 | Urheber: Dirima by fotolia

„3d Männchen auf dem Weg zu etwas neuem“
Datei: #116921650 | Urheber: fotomek

Claudia Frey
Diplom-Psychologin Psychologische Psychotherapeutin

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