Hilflosigkeit kann man lernen?

(Warum sollte man?!)

Wahrscheinlich stimmen Sie mir sofort zu: Hilflosigkeit ist ein schreckliches Gefühl.

Wussten Sie aber, dass Wissenschaftler schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigen konnten, dass man dieses Gefühl lernen kann.

Aber warum sollte man so ein ungutes Gefühl lernen? Wie so oft ist die Antwort: Um uns zu schützen.

In Tierversuchen konnte damals gezeigt werden, wie schnell das gehen kann. Hunde, die ein paarmal durch Stromstöße daran gehindert wurden, aus ihrem Käfig zu entkommen, haben es sehr schnell aufgegeben. Selbst wenn es kurz danach ganz offensichtlich kein Hindernis mehr gab: Die Tiere blieben liegen und bemühten sich nicht mehr um Flucht. Sie hatten Hilflosigkeit und Passivität erlernt.

 

Warum ist erlernte Hilflosigkeit für uns wichtig?

Martin Seligman ist der Forscher, der mit anderen diese ursprünglichen Versuche durchgeführt hat (Overmier und Seligman, 1967. Überarbeitung mit Maier, 2016).  Er beschrieb auch als erster das Konzept der „erlernten Hilflosigkeit“ und dass es einen engen Zusammenhang mit Depressionen bei Menschen gibt.

Wer früh im Leben die Erfahrung gemacht hat, dass Anstrengung sich nicht lohnt, strengt sich später natürlich nicht besonders an, um etwas zu erreichen. Nicht aus Faulheit, sondern mangels Mut und Zuversicht. Denn wenn man gelernt hat, dass es nichts bringt oder sogar weh tut, ein Ziel anzustreben  – der/die wird sich nichts vornehmen und keine Schritte in diese Richtung unternehmen. Traurig, aber oft wahr.

Ich hatte schon zuvor darüber geschrieben (hier): Wenn wir nicht daran glauben, dass unsere Anstrengung und unser Engagement sich lohnt, dann ist es ja sehr verständlich, es gar nicht erst zu versuchen. Bis zum Extremfall, den von Seligman beschriebenen Depressionen.

 

 

Der Attributionsstil ist schuld

Die Erweiterung des Seligman-Modells (Abramson, Seligman & Teasdale, 1978) beschreibt unterschiedliche „Attributionsstile“. Das sind innere Muster, mit denen man auf bestimmte Ereignisse reagiert. Diese Attributionsstile hat man sich im Laufe seiner Entwicklung angeeignet, oft sind sie einem nicht bewusst. Ein „pessimistischer Attributionsstil“ ist

  • intern („ICH bin schuld“)
  • global („ALLES ist schlimm“)
  • stabil („es wird IMMER so bleiben“)

Und die Welt durch diese Brille zu sehen, macht einen sehr anfällig für  – Depressionen.

 

Wie können wir Hilflosigkeit verlernen?

Auch wenn wir nicht depressiv sind, sollten wir uns darüber klar sein (oder werden), mit welchen Mustern und durch welche Brille wir die Welt betrachten. Denn so verständlich es ist, nicht an Veränderung zu glauben – unser „nicht-daran-glauben“ wird mit einiger Wahrscheinlichkeit genau dazu führen, dass wir keine Anstrengung unternehmen, um etwas zu verändern. So entstehen Teufelskreise.

Salomon & Tannenbaum, zwei amerikanische Wissenschaftler haben das Konzept der erlernten Hilflosigkeit 2017 auf das Thema Klimaschutz angewandt. Dabei konnten sie folgendes zeigen: Unsere Einschätzung, der Klimawandel sei unkontrollierbar, führt dazu uns ihm hilflos ausgeliefert fühlen. Und dann nichts zu tun. Mit offensichtlichem Ergebnis.

Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen. (Martin Luther) Klick um zu Tweeten

Was tun?!

Was können wir dagegen tun? Wie so oft ist es wichtig, dass wir uns über unsere inneren Muster klar werden. Und sie dann „entrümpeln“ und – wenn irgend möglich verändern. Seligman schlägt „Hoffnung“ und Optimismus“ als Muster vor, die wir ganz bewußt in uns aufbauen sollten.

Mir fällt dazu auch noch das alte Motto von Martin Luther ein:

„Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ 

Will sagen: Auch wenn ich (noch) nicht daran glauben kann, dass mein Engagement hilft: Solange ich so handle „als ob“, gibt es zumindest die Chance, den Teufelskreis aus Passivität, Nichtstun und miesen Ergebnissen zu durchbrechen. Und auf Dauer ein neues, hilfreicheres Muster aufzubauen.

Quellen:

Maier, S.F., Seligmann, M.E., „Failure to escape traumatic shock“, Journal of Experimental Psychology, Vol. 74, No 1, May 1967 (hier)
Maier, S. F., & Seligman, M. E. (2016). Learned helplessness at fifty: Insights from neuroscience. Psychological review, 123(4), 349.
Salomon, E., Preston, J.L. & Tannenbaum, M.B. (2017). Climate change helplessness and the (de)moralization of individual energy behavior. Journal of Experimental Psychology: Applied, 23 (1):15

https://www.sciencedaily.com/releases/2017/05/170504121947.htm

Photo by Saneej Kallingal on Unsplash

Claudia Frey
Diplom-Psychologin Psychologische Psychotherapeutin

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