Was ist eigentlich eine Borderline-Störung?

Eine Modediagnose? Verrückte Mädchen, die sich selbst verletzen? Menschen, die andere perfekt manipulieren wollen und das auch können? Es gibt wenige psychische Erkrankungen, über die es so viele Mythen und Halbwahrheiten (und Hollywood-Filme) gibt, wie über die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Deshalb will ich hier einige Fakten zusammentragen und erläutern.

 

Es gibt zwei „Typen“ von Borderline

Grundsätzlich sind Borderline-Persönlichkeitsstörungen schwere seelische Erkrankungen. Sie können die Betroffenen und ihr Umfeld extrem belasten. Wie genau sich eine solche „Störung“ zeigt, kann recht verschieden sein. Und es entspricht nicht so oft dem Stereotyp, wie man denkt.

Wir in Deutschland diagnostizieren anhand des „ICD“. Das ist der Diagnose-Katalog der Weltgesundheitsorganisation (WHO), derzeit wird er in der Version 10 genutzt. Ab 2022 in der Version 11, dann wird manches ein wenig anders definiert sein. Dazu könnte ich einen gesonderten, eigenen Blogpost schreiben). Nach ICD-10 (hier) gibt es jedenfalls zwei Typen von Borderline-Störungen:

  • Den Impulsiven Typus: Der ist geprägt durch mangelnde Impulskontrolle und emotionaler Instabilität.
  • Und den Borderline-Typus: Hier ist zusätzlich noch stärker das eigene Selbstbild und Beziehungsverhalten beeinträchtigt.

 

Was beim „Borderline-Typus“ laut der Definition noch zusätzlich vorkommt, sind Symptome wie z.B.:

  • Unsicherheit z.B. über die Geschlechtsidentität (bin ich lesbisch oder nicht?)
  • Beziehungen, die sehr intensiv sein und dann sehr plötzlich auch wieder enden können
  • Extreme Angst, verlassen zu werden (die auch dazu führen kann, Beziehungen vorschnell zu beenden)

 

Was ist eigentlich Borderline?

Und wie kann man diese Symptome verstehen?

Marsha Linehan ist eine US-amerikanische Psychologie-Professorin, die ein wirksames und sinnvolles Therapiekonzept zur Behandlung von Borderline-Störungen entwickelt hat (DBT). Von ihr habe ich folgende Metapher gelernt: Jemand, der unter einer Borderline-Störung leidet, hat sozusagen eine offene psychische Wunde. Nun stößt etwas an diese Wunde, eine Bemerkung oder eine Verhaltensweise. Selbst wenn das vielleicht nicht böse gemeint war und andere nicht verletzt hätte: Betroffene verletzt es zutiefst. Es verursacht starke psychische Schmerzen und löst als Reaktion darauf heftige Symptome aus.

Beispiele für solche Symptome sind:

  • Rückzug (für andere vielleicht unverständlich)
  • extreme Traurigkeit
  • Stalking-Verhalten (ständiges Anrufen oder Versuchen, anderweitig Kontakt aufzunehmen)
  • Essattacken, Erbrechen
  • impulsives Geldausgeben
  • promiskuitive Sexualität
  • Substanzmissbrauch
  • Suizidale Handlungen oder Androhungen von Suizidversuchen
  • Gefühl der Leere
  • heftige Wutausbrüche

Es handelt sich bei diesen Verhaltensweisen (meist) nicht um Manipulationen. Sondern um den Versuch, irgendeinen Umgang mit den schrecklichen inneren Schmerzen zu finden.

 

Wie häufig kommt eine Borderline-Störung vor?

  • Je nach Studie sind etwa 1,6 bis 5,9% der Bevölkerung betroffen. Da sind viele!
  • Aber immerhin: 80 % der Betroffenen suchen psychiatrische und/oder psychotherapeutische Hilfe auf. Und inzwischen gibt es auch gute und ausssichtsreiche Behandlungsmethoden.
  • Die Neigung zu Suizidversuchen ist aus den genannten Gründen sehr hoch und liegt bei 60 %
  • Das Risiko, dass sich betroffene tatsächlich suizidieren, ist ebenfalls hoch: Es liegt bei 7 %

 

Was ist eigentlich die Ursache für eine Borderline-Störung?

Ein großer Prozentsatz der Betroffenen erlebte Furchtbares in der Kindheit. Darunter fallen Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung. Es gibt allerdings auch Betroffene, bei denen das nicht der Fall war. Wie ist das zu erklären?

Marsha Linehan geht davon aus, dass es sowohl

  • biologische/genetische Faktoren gibt, wie auch
  • in der persönlichen Geschichte bedingte Faktoren

Sie nennt das „biopsychosoziale Theorie“. Wenn wir noch einmal die Metapher der Wunde heranziehen, könnte man es vielleicht so übersetzen:

Es gibt Menschen, die sind von ihrer genetischen Ausstattung her stabiler, härter im Nehmen als andere. Aber auch diese Menschen können verletzt werden und schlimme Wunden davon tragen, wenn entsprechend heftige Dinge passieren. Umso mehr jemand, der sensibler ist und eine weniger harte Schale hat. Diese Person trägt womöglich auch schon bei „objektiv“ weniger schlimmen Erfahrungen tiefe Verletzungen davon.

So oder so schmerzen diese Erfahrungen die Betroffenen tief. All die Symptome, die so „schrecklich“ und unverständlich wirken, ergeben so Sinn. Jedenfalls, wenn man sich klar macht, dass es sich dabei (meist unbewusst) um den Versuch handelt, irgendeinen Umgang mit diesen inneren Schmerzen zu finden. Das als „manipulativ“ zu bezeichnen, finde ich eine erneute Verletzung. Und ehrlich gesagt kann ich mich an gar keinen Fall aus meiner mehr als 20 jährigen Erfahrung erinnern, bei dem ich das ernsthaft gedacht hätte. 

Literatur

  • Linehan, Marsha: Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) der BorderlinePersönlichkeitsstörung“, CIP-MEDIEN Verlag; Auflage: 1 (1. Januar 2008)
  • Sendera, M. Sendera, Borderline – Die andere Art zu fühlen, DOI 10.1007/978-3-662-48003-8_1, Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

Photo by Hamburger Arts on Unsplash

Claudia Frey
Diplom-Psychologin Psychologische Psychotherapeutin

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