Risiko Psychotherapie?! 

Natürlich ist eine Psychotherapie keine OP. Insofern gibt es dabei kein Risiko zu verbluten oder sich zu infizieren. Obwohl – manchmal scherze ich und nenne unsere Sitzungen „Operation am offenen Herzen“. Und eigentlich kommt es der Wahrheit tatsächlich nahe:

Gerade zu Beginn einer Psychotherapie wird oft unterschätzt, dass es auch weh tun kann. Sich mit inneren Themen auseinander zu setzen, ist nämlich alles andere als leicht. Das kann ein ganz schön wilder Ritt werden, auf den man sich am Besten gut vorbereitet.

 

Wie bereitet man sich gut auf eine Psychotherapie vor?

Die wenigsten Menschen denken an eine Psychotherapie, wenn es ihnen gut geht. Und wenn es einem schlecht geht, ist man natürlich oft nicht besonders stabil.

Da kann es heftig sein, „im Giftfass zu rühren“ (auch so nenne ich Psychotherapie manchmal). Es kommt tatsächlich vor, dass es jemandem nach einer Therapiestunde nicht sehr gut geht. Auch, dass man sich instabiler als zuvor fühlt. Und es kann auch sein, dass es ein paar Wochen oder sogar Monate dauert, bevor man durch „das Tal der Tränen“ durch ist. Ganz davon abgesehen, dass auch das Umfeld manchmal gar nicht so positiv auf Veränderungen reagiert, wie man gedacht und gehofft hatte.

 

Irgendwann wird es besser (super. Und wann soll das sein?!)

Natürlich ist das Ziel, dass Psychotherapie (möglichst bald) hilft und es einem dann wirklich besser geht. Dauerhaft und grundsätzlich. Und glücklicherweise ist das ja auch sehr oft der Fall. Aber zunächst kann es eben auch weh tun. Oder Symptome werden erst schlimmer, bevor sie dann wirklich weniger werden oder verschwinden.

Diese „Zwischenphase“ muss man aber erst einmal aushalten. Und man muss Vertrauen haben. In sich, aber natürlich auch in den/die Therapeut/in. Man kann es schon mit einer körperlichen Behandlung vergleichen: Das Säubern einer Wunde kann extrem schmerzhaft sein. Kein Mensch würde sich drauf einlassen, ohne zu wissen, wofür es gut ist. Und auch beim Reinigen einer körperlichen Wunder kann es zu Komplikationen kommen. Das ist zwar selten, aber nicht ausgeschlossen. So ähnlich ist es mit Psychotherapien.

Natürlich ist es so wie auch im sonstigen Leben: Ohne ein gewisses Risiko, ohne ein Einlassen auf Veränderung – bleibt eben alles gleich. Mit bekannten Ausgang. Also ist es – zumindest langfristig gedacht – letztlich oft das kleinere Risiko, sich dem zu stellen, was anders werden soll.

 

 

Was sind denn nun die Risiken einer Psychotherapie?

In einer Studie* wird geschätzt, dass zwischen 3% und 15% der Psychotherapie-PatientInnen eine negative Erfahrung mit Psychotherapie haben. Das wäre im schlimmsten Fall immerhin jede/r sechste PatientIn.

Was bedeutet dieses Ergebnis? Spricht man von einer negativen Erfahrung, wenn die Wunde nach dem Säubern schmerzt, danach aber heilt?

Solchen Untersuchungsergebnissen stehe ich immer ein bisschen kritisch gegenüber. Natürlich schließe ich aber auch nicht aus, dass es langfristig negative Folgen in einer Psychotherapie geben kann.

Hardy et al schlussfolgern in ihrer Studie, dass es bei negativen Erfahrungen oft eine mangelnde Passung zwischen den Bedürfnissen der PatientInnen und den Möglichkeiten der TherapeutInnen gab. Das ist bestimmt oft der Fall. Aber ich glaube, dass auch nicht immer der richtige Zeitpunkt für eine Psychotherapie ist. Wenn man so will, ist es kein ausreichender Grund für eine Therapie , dass es einem schlecht geht. Es muss auch noch hinzukommen, dass man ausreichend Zeit und Kraft hat, sich mit inneren Themen auseinander zu setzen. Und Veränderungen umzusetzen. Wir nennen das „Veränderungsmotivation“.

 

 

Wie können Sie das Risiko einer Therapie verringern?

Mir ist wichtig, dass Menschen, die eine Psychotherapie beginnen möchten, für sich prüfen:

  • Kann ich meiner/m Therapeut/in soweit vertrauen, dass es ok für mich wäre, wenn ich sehr emotional werde?
  • Und dass ich alles aussprechen kann, das mich bewegt, ohne das Gefühl zu haben, negativ beurteilt zu werden?
  • Kann ich damit umgehen, wenn es mir kurzfristig schlechter geht?
  • Und wenn ich mir das nicht zutraue, aber Hilfe in Anspruch nehmen will: Traue ich mich, das meiner/m Therapeut/in gegenüber anzusprechen?
  • Bin ich wirklich bereit, Veränderungen anzugehen? Diese Frage mag merkwürdig klingen – schließlich soll sich doch alles zum Besseren wenden. Aber oft ist ein tiefer Veränderungsprozess wie ein Mobile: Es ist nicht leicht vorauszusagen, was sich verändert, aber dass sich sehr viel ändert, das ist klar.
  • Welches Netz fängt mich auf? Liebe Menschen? Mir wichtige Tiere? Eine Selbsthilfegruppe? Ein Hobby? Wenn es gar nichts gibt, ist der Aufbau eines Netzes vielleicht eine erste Aufgabe in einer Therapie.

 

Lassen Sie sich etwas Zeit mit der Entscheidung

Es ist also schon wichtig, sich zu Beginn der Therapie ein bisschen Zeit zu lassen und in sich zu gehen. Genau dafür sind die ersten Sitzungen einer Psychotherapie auch da (die Sprechstunden-Sitzungen und die so genannten probatorischen Sitzungen).

Bitte schieben Sie ungute Gefühle zu Beginn einer Behandlung nicht weg, nur weil es schwer war, einen Therapieplatz zu bekommen. Suchen Sie weiter, wenn es nicht für Sie passt, denn „irgendeine“ Psychotherapie hilft Ihnen auch nicht.

Es muss passen und es muss sich vertrauenswürdig anfühlen.

Und dann kann Psychotherapie wirklich unglaublich wunderbare Ergebnisse haben (das musste ich jetzt noch ergänzen, damit dieser Post nicht zu negativ klingt! Aber natürlich vor allem,w eil das wirklich meine tiefste Überzeugung und auch Erfahrung ist).

Interessant in diesem Zusammenhang könnten auch diese Posts für Sie sein:

*Hardy, G. E., Bishop-Edwards, L., Chambers, E., Connell, J., Dent-Brown, K., Kothari, G., … & Parry, G. D. (2017). Risk factors for negative experiences during psychotherapy. Psychotherapy Research, 1-12.

Photo by Jordan Heinrichs on Unsplash

Claudia Frey
Diplom-Psychologin Psychologische Psychotherapeutin

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