Was taugt Online-Therapie?

 

Vor ein paar Monaten war ich auf einer riesigen Psychotherapie-Konferenz in Berlin. Es wurden die neuesten Forschungsergebnisse, die neuesten Therapietools etc. vorgestellt. Dabei gab es ein Thema, das sich immer und immer wieder zeigte: Die Nutzung des Internet für die Therapie.

Das habe ich mit Verblüffung und Interesse gehört. Denn ich habe schon vor mehr als fünfzehn Jahren meine ersten psychotherapeutischen Online-Angebote gemacht. Damals habe ich aus meiner Erfahrung mit der Behandlung von Flugängsten einen eKurs entwickelt: Zu dieser Zeit etwas komplett Ungewöhnliches. Kaum jemand konnte glauben, dass „so etwas“ etwas taugt. Die TeilnehmerInnen waren allerdings oft begeistert. Leider hatte ich nicht die Möglichkeiten, die Ergebnisse zu erforschen. Auch nicht, als ich später noch andere eKurse angeboten habe, z.B. zum Thema Prüfungsangst.

Natürlich ist ein eKurs keine Psychotherapie, sondern eher vergleichbar mit einem Selbsthilfebuch. Also:

Was ist Online-Therapie?

Zunächst einmal: Der Begriff Online-Therapie nicht klar abgegrenzt und auch nicht geschützt. Online-Therapie umfasst daher viele Bereiche:

  • rein psycho-edukative Angebote ohne Therapeutenkontakt (= Online-Beratung, z.B. Selbsthilfeprogramme). Dafür wären meine frühen eKurse ein gutes Beispiel.
  • „asynchrone“ Therapeutenkontakte, zum Beispiel bei Bedarf in Ergänzung zur traditionellen therapeutischen Sitzung. Oder man hat z.B. in einem Chat oder per Mail Kontakt mit einer/m PsychotherapeutIn hat, die dann zu einem anderen Zeitpunkt antwortet.
  • „synchrone“ Therapiesitzungen, in denen Patientin und Therapeutin direkt,  z.B. via Bildschirm, miteinander kommunizieren. Hierfür gibt es inzwischen einige gute Optionen, seit kurzem ist das sogar ganz regulär und erlaubt. Von  manchen Kassen wird es tatsächlich gefördert. Wichtig ist es, dabei einen geschützten virtuellen Raum zu finden. Skype, z.B. ist datenschutzrechtlich keine gute Idee
  • Kommunikationskanäle einer Online-Therapie sind E-Mails, Chats, Telefonate, SMS, Video-Telefonate, Apps

 

So neu ist das alles nicht

Interessanterweise ist die Fernkommunikation zwischen Therapeut und Klient gar kein neues Konzept. Schon Sigmund Freud verwendete Briefe ausgiebig, um mit seinen Patienten zu kommunizieren. Und Selbsthilfegruppen entstanden bereits 1982 im Internet.

  • in Schweden, den Niederlanden, England und Australien sind Onlinetherapien teilweise bereits seit 2006 fester Bestandteil der Gesundheitsversorgung  (hier)
  • in Deutschland hat sich in diesem Bereich gerade im letzten Jahr viel geändert. Inzwischen gibt es viele Apps, die von Krankenkassen unterstützt (=bezahlt) werden und wie gesagt sind nun auch „Video-Sprechstunden“ möglich (= psychotherapeutische Gespräche über eine geschützte Plattform)

 

Mögliche Vorteile einer Online-Therapie

  • Man ist ortsungebunden. Das kann vor allem in ländlichen Gegenden wirklich hilfreich sein, wo die/der nächste PsychotherapeutIn vielleicht viele Kilometer weit weg ist.
  • Menschen, die das Haus nicht verlassen können, weil sie z.B. krank sind, können dennoch psychotherapeutische Unterstützung erhalten
  • Gerade bei schambesetzten Themen ist es für viele Menschen leichter, wenn sie dem/der TherapeutIn nicht direkt gegenüber sitzen. Manche sind überhaupt nur bereit, sich zu öffnen, wenn es die Möglichkeit einer Online-Therapie-Möglichkeit (mehr hier: American Psychological Association)

 

Schon Freud nutze Online-Therapien. Oder so ähnlich. Klick um zu Tweeten

 

Mögliche Nachteile einer Online-Therapie

  • Der/die Therapeut/in kann die Emotionen des/der Patient/in vielleicht nicht so gut wahrnehmen und entsprechend nicht ausreichend gut reagieren.
  • Wenn es zu einer schwierigen Situation kommt, kann der/die Therapeut/in nicht gut eingreifen
  • manche Therapeuten fürchten, dass mit psychotherapeutischen Online-Angeboten einfach nur gespart werden soll, nach dem Motto: „Die App kostet einmal, eine Therapiesitzung jedes Mal“.

 

Was sagt die Wissenschaft?

  • Eine Studie der TKK zeigt, dass Psychotherapie auch via Internet wirkt
  • Im Auftrag der TKK entwickelte die FU Berlin einen Online-Depressions-Coach und wertete die Ergebnisse von rund 1100 Teilnehmern aus.
  • Dabei kam heraus: Die Effekte des Online-Depressions-Coach seien ähnlich stark wie bei einer konventionellen Sprechzimmertherapie (!)
  • Der Leidensdruck reduzierte sich deutlich durch den Online-Coach. Er reduzierte sich von mittlerem Schweregrad auf einen klinisch nicht mehr bedeutsamen Wert
  • Christine Knaevelsrud, Psychologie-Professorin an der FU Berlin: „Für leicht- bis mittelschwere Depressionen zeigt der Online-Coach vergleichbare Effekte wie die konventionelle Sprechzimmertherapie“
  • auch 3,6 und 12 Monate nach dem Programm waren die Fortschritte stabil (!)
  • 84 % der Teilnehmer waren mit dem Coach zufrieden und berichteten über ein gesteigertes Wohlbefinden
  • Die Studie wurde in der Ärztezeitung beschrieben und ist hier nachzulesen.

 

Was ist nun von Online-Therapie zu halten?

Natürlich ist es Geschmacksache. Und wenn es Alternativen gibt, kann sich ja jede/r diejenige Möglichkeit heraussuchen, die für sie/ihn stimmig ist. Ich glaube aber, dass tatsächlich nichts gegen eine Online-Therapie (oder eine mit virtuellen Mitteln unterstützte Therapie) spricht, wenn ein hoher Qualitätsstandard und die notwendigen Datenschutzvorkehrungen eingehalten werden.

Quellen zum Nachlesen:

photo: #215971662 | Urheber: Westend61, fotolia

Claudia Frey
Diplom-Psychologin Psychologische Psychotherapeutin

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