logo

In der Interview-Serie „I do it my Way“ stelle ich Menschen vor, die einen nicht ganz gradlinigen Weg hinter sich und einiges zu erzählen haben. Die Serie soll Mut machen und aufzeigen, dass „Erfolg“ nicht immer stromlinienförmig aussieht. – Viel Freude damit!


Ingrid Glomp ist erfolgreiche Autorin mit sehr verschiedenen Schwerpunkten. Lesen Sie selbst! Ich persönlich schätze sie außerdem ganz außerordentlich als anregende und angenehme Gesellschaft bei gelegentlichen (zu seltenen) Mittagessen.

 Was ist Ihr Beruf, was Ihr wichtigstes Tätigkeitsfeld heute?

Mein „gelernter“ Beruf ist Biologin. In dem Fach habe ich promoviert, ich habe auch einige Jahre als Wissenschaftlerin gearbeitet und die Denkweise habe ich mir erhalten. Im Moment habe ich drei Berufe, wenn man so will: Wissenschaftsjournalistin, Schreibdozentin, Krimiautorin, alles freiberuflich.

Ingrid GlompIch finde, Sie sind einen ungewöhnlichen privaten/beruflichen Weg gegangen. Ich habe Sie für dieses Interview angesprochen, weil mir scheint, dass Ihr (beruflicher/privater) Weg ungewöhnlich ist/war. Stimmt das aus Ihrer Sicht? Was ist für Sie persönlich das Ungewöhnliche daran?

Mir ist zwar bewusst, dass mein beruflicher Weg ungewöhnlich ist, wenn ich mich mit anderen vergleiche, aber ich habe das nie so empfunden und es auch nicht darauf angelegt.

Ungewöhnlich ist sicher, dass ich so viel Verschiedenes in meinem Leben getan habe und tue, sei es nach- oder auch nebeneinander. Der gemeinsame Nenner ist inzwischen und zurzeit das Schreiben. Das, was ich mache und womit ich mein Geld verdiene, ändert sich ständig, und das ist genau, was mir gefällt. Keine gute Methode, um Reichtümer anzuhäufen, aber nichts wäre beklemmender für mich (gewesen), als einen Job zu beginnen und zu wissen: In diese Firma oder in dieses Institut gehst du jetzt Tag für Tag, Jahr für Jahr bis zur Pensionierung.

Aus heutiger Sicht betrachtet: Ist es der richtige Weg gewesen? Warum?

Es war ganz ohne Zweifel der richtige Weg, weil ich immer meiner Neugier folgen konnte, neue Menschen und Tätigkeiten kennenlernen durfte, Wissen über ganz unterschiedliche Themen angesammelt habe und mich nie langweile. Allein der Beruf einer Journalistin, der mir sozusagen die Lizenz zum Fragen gibt. Himmlisch. Das alles ist mir wichtig und entspricht meiner Persönlichkeit.

Gab es Zeiten in Ihrem Leben, in denen Sie gezweifelt haben? Wenn ja: Wie sahen diese Zweifel aus? Warum haben Sie gezweifelt? Und wie sind Sie damit umgegangen, was hat Ihnen besonders geholfen?

Ich bin im Rückblick selbst immer wieder überrascht, dass ich irgendwann einfach beschlossen habe, Journalistin zu werden, und auch noch freiberuflich, oder Krimis zu schreiben und zu veröffentlichen oder Schreibworkshops anzubieten. Zumal ich kein besonders mutiger Mensch bin. Aber ich habe einfach immer die Dinge getan, die sich richtig anfühlten, wenn sie sich richtig anfühlten. Vieles hat sich nach und nach entwickelt. Tut mir leid. Ich kann es nicht besser erklären, denn manches ist gar nicht so gezielt geschehen, wie es vielleicht wirkt.

Wenn Sie sich in die Zeit zurückversetzen, in der Sie – sagen wir – 18 Jahre alt waren: Wie hätten Sie über Ihre heutige Situation gedacht? Hatten Sie eine Ahnung davon, geplant/gedacht/gehofft, dass Sie diesen Weg gehen würden?

Ja und nein. Ich hatte damals den Traum, Journalistin und/oder Schriftstellerin zu werden, fand das aber illusorisch. Dann hatte ich auch einen ganz tollen Biologieunterricht und beschloss dieses Fach zu studieren. Geplant habe ich gar nichts. Ich bin zwar Biologin geworden und es hat mir auch viel Spaß gemacht. Aber zu Beginn des Studiums hatte ich eher diffuse Vorstellungen von Verhaltensforschung u. Ä und gearbeitet habe ich später in Bereichen wie Mikrobiologie und Molekularbiologie. Als Journalistin wiederum konnte ich gar nicht ahnen, wie das Internet sich entwickeln und was das für diesen Beruf bedeuten würde. Ich habe meine Texte zu Anfang noch als ausgedruckte Manuskripte eingereicht. Und dann auf Disketten verschickt (das war schon ein Fortschritt). Und wer hätte ahnen können, dass man heute Bücher veröffentlichen und Leser dafür finden kann – ganz ohne Verlag?

Gab es – rückblickend gesehen – einen Moment, an dem Sie sich ganz bewusst für genau diesen Weg entschieden haben? Oder wie verlief das für Sie?

Die einzigen Einschnitte waren vermutlich, als ich mich a) für das Biologiestudium und später b) für das Freiberuflerdasein entschieden habe. Aber auch Letzteres empfand ich in dem Moment nicht als dramatisch, sondern als natürlichen, in meiner Situation (junge Mutter mit brennendem Interesse an Journalismus) angemessenen Schritt. Für meinen Weg insgesamt habe ich mich nie zu einem Zeitpunkt bewusst entschieden. Der mäandert ja auch eher,  mal hierhin, mal dorthin. Nur im Rückblick erscheint manches folgerichtig und geplant. Etwa dass sich aus dem Redigieren wissenschaftlicher Texte Workshops für Experten entwickelt haben darüber, wie man verständlich schreibt. Und daraus wiederum verschiedene Bücher mit Regeln für einen klaren Schreibstil.

Hier mit eigenen Krimis vor der Heidelberger Stadtbücherei

Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt, lautet: Wie findet man neue, spannende Ziele, wenn ein ursprüngliches Ziel erreicht ist. Wie lautet Ihre Antwort darauf? Wie gehen Sie mit dieser Frage um?

Keine Ahnung. Ich setze mir nie definitive Ziele. Insofern gibt es auch keinen Endpunkt. Ich kann auch nicht sagen, wie ich auf neue Ideen komme, nur dass es so ist und dass sich oft eins aus dem anderen ergibt, weil es mich langweilt, immer das Gleiche zu tun.

Die Regel, nach der mein Leben verläuft, entspricht dem Titel eines Buchs, das ein richtiger Augenöffner für mich war: „Refuse to choose!“ von Barbara Sher.  Die Autorin schreibt über Menschen, die sich nicht auf einen Beruf oder eine Tätigkeit beschränken wollen, und unterteilt sie in unterschiedliche Gruppen. Ich bin danach ein Scanner, ein Mensch, der gerne lernt und der sich, sobald er etwas so gut gelernt hat, dass er es kann, etwas Neuem zuwendet.

Das Gute am Journalismus ist, dass ich mich mit immer neuen Themen beschäftigen darf. Beim Fiction-Schreiben probiere ich immer wieder etwas anderes aus: natürlich neue Geschichten und Figuren, aber auch neue Formen des Veröffentlichens. Letztes Jahr zum Beispiel auf der Plattform Wattpad, dieses Jahr sind es  Printbücher bei CreateSpace.

Meine Schreibworkshops sind ein anderes Beispiel. Keiner ist ganz genau wie der andere. Erstens arbeite ich immer an Verbesserungen: eine neue bildhafte Darstellung, ein noch besser geeignetes Beispiel, ganz aktuelle Leseempfehlungen, ein neuer Schreibtipp. Zweitens passe ich meine Workshops auf Wunsch individuell an die Texte der Auftraggeber an. Drittens plane ich neue Workshops. In diesem Jahr unter anderem einen auf Englisch: How to write clearly, weil Wissenschaftler häufig englisch schreiben, sowie eine Textwerkstatt.

Was ich mit allen diesen Beispielen sagen will: Bei einer Freiberuflerin geschieht das Anpeilen neuer Ziele ganz organisch, weil ich keine radikalen Schnitte machen muss. Ich kann Neues antesten und Altes langsam herunterfahren.

Ich habe kürzlich einen Vortrag der Designerin Paula Scher gehört. Darin sagte sie etwas, das mein Motto sein könnte: It’s always fun to do what you’ve never done before.

Gibt es derzeit ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

krimi-marathon_211110Ja. Erstens die Möglichkeiten, die das Internet Kreativen bietet. Speziell die des Indie-Publishings, also des Selbstveröffentlichens von Büchern, aber auch Finanzierungsmöglichkeiten wie Crowdfunding. Oder auch die verschiedenen Arten, die es inzwischen gibt, sich mit anderen zu vernetzen. Anders gesagt, ich bin begeistert davon, dass das Internet es uns Kreativen erlaubt, mehr und mehr direkt unser Publikum zu finden, ohne Zwischenhändler und Türsteher wie Verlage und Ähnliche.

Was mich noch beschäftigt, ist im Grund keine Thema, sondern wieder einmal ein Entwicklungsschritt. Ich möchte mich peu à peu aus dem Journalismus zurückziehen und mehr Fiction, sprich Krimis, schreiben. Die Schreibworkshops für Wissenschaftler und andere Experten machen mir immer noch so viel Spaß und bieten so viel Entwicklungspotenzial, dass ich damit weitermachen werde.

Mein übergeordnetes Thema, der gemeinsame Nenner sozusagen, ist das Schreiben und die Möglichkeiten, die digitalen Medien und das Internet uns eröffnen. Das finde ich enorm spannend und da probiere ich immer wieder Neues aus.

Work-Life-Balance ist immer ein großes Thema für mich und für viele meiner LeserInnen. (Wie) schaffen Sie das bzw. welchen Tipp können Sie aus Ihrer Erfahrung zu dieser Herausforderung geben?

Zunächst finde ich den Begriff nicht ganz glücklich. Denn work ist doch ein entscheidender Teil des lifes. In meinem Fall ist dies vermutlich noch stärker bei anderen der Fall, so dass ich zum Beispiel nie weiß, was ich auf die Frage antworten soll, wie viel Stunden pro Woche ich arbeite. Wenn ich Interviewfragen wie diese beantworte, zählt das als Arbeit? Wenn ich im Internet etwas lese, das mir eine  Idee gibt für einen Artikel, oder etwas, das ein Beispiel in meinem Schreibkurs sein wird, ist das Arbeit? Wenn ich etwas lese und es nicht nutzen kann: Arbeit? Wenn ich einen Blogpost schreibe, für den ich kein Geld bekomme: Arbeit? Wenn aus solchen Posts ein Buch entsteht, mit dem ich Geld verdiene, war das Schreiben der Posts dann Arbeit? Wenn ich mich mit einer Chinesin oder einem Nordiren unterhalte und Details erfahre, die ich in meinen Thriller einbaue, war das Arbeit? Wenn ich im Urlaub Dinge für meinen Roman recherchiere, ist das Arbeit? Wenn mir beim Einkaufen oder mitten in der Nacht, wenn ich mal nicht schlafen kann, Ideen und Formulierungen für einen Artikel oder eine Geschichte kommen, wie viel Minuten/Stunden Arbeit kann ich dafür anrechnen?

Wohl gemerkt: Das Problem, Arbeit von Freizeit abzugrenzen, entsteht, weil ich all diese Dinge so gerne tue. Würde ich plötzlich eine Million im Lotto gewinnen, wären diese Beschäftigungen immer noch Teil meines Lebens.

Was tatsächlich nicht so einfach war, das war eine ArbeitsFamilien-Balance zu finden, als meine Kinder kleiner waren. Ich glaube auch, dass das nicht wirklich möglich ist, weil so viel Unvorhergesehenes passieren kann, das alles aus dem Gleichgewicht bringt. Wenn man für andere Menschen (in der Regel Familienmitglieder) verantwortlich ist und sorgt, ist meines Erachtens eine wirkliche Balance nicht zu erreichen.

Einige Dinge können jedoch nach meiner Erfahrung berufstätigen Müttern helfen: eine wirklich gute Kinderbetreuung, wie auch immer die aussehen mag. Als Freiberuflerin zu Hause zu arbeiten. Nicht ein Auftraggeber wollte von mir wissen, ob ich Kinder habe, und wenn ja, wie viele. Entscheidend war, dass ich gute Arbeit rechtzeitig ablieferte. Außerdem ist man als Freiberuflerin flexibler, wobei diese Flexibilität Grenzen hat, nämlich 24 Stunden, mehr sind in einem Tag nicht drin, sowie die eigenen Kraftreserven. Da hilft es, um noch pragmatischer ins Detail zu gehen, wenn man auch Aufträge hat, die die eigene Kreativität und Leistungsfähigkeit nicht überstrapazieren. Ich habe zum Beispiel eine Zeitlang Zuschauerpost für eine medizinische Ratgebersendung beantwortet (natürlich habe ich keine Ratschläge gegeben!) oder auch für eine Firma Berichte nach Schema F geschrieben. Schließlich sollte man ein dickes Fell entwickeln, um Dinge einfach nicht zu tun, die weder den Kindern, noch dem Beruf, noch einem selbst nützen. Ich war zum Beispiel in meiner ganzen Laufbahn als Mutter nur bei zwei oder drei Elternstammtischen und es gab auch als Mittagessen schon mal Tiefkühlkost.

Haben Sie einen Tipp für jemanden, der an einem Punkt im Leben steht, an dem er/sie nicht genau weiß, wie es weitergehen soll?

Ich glaube, wie gesagt, nicht, dass man irgendetwas im Leben genau planen kann. Man kann und sollte sich aber über die eigenen Prioritäten klar werden: Will ich viel Geld verdienen? Muss ich eine bestimmte Summe verdienen, weil ich Familie habe? Brauche ich Sicherheit? Brauche ich Abwechslung? Arbeite ich gerne für oder mit Menschen oder lieber allein? Reise ich gern? Und so weiter. Und dann sollte man das tun, was diese Kriterien erfüllt und was sich richtig anfühlt beziehungsweise verspricht, interessant zu werden und Spaß zu machen. Man muss ja nicht gleich aufs Ganze gehen. Manches kann man auch in der Freizeit zuerst antesten.

IG2Gibt es noch etwas, das Ihnen in diesem Zusammenhang wichtig ist?

Was, glaube ich, hilft, ist erstens neugierig und offen für Neues sein, und zweitens  spielerisch an Arbeit und Ähnliches heranzugehen. Das ist aber auch eine Temperamentssache.[Tweet „Das, was ich mache, ändert sich ständig. Und genau das gefällt mir. @IngridGlomp #IdoItMyWay“]

Alle, die gerne über diesen Artikel twittern möchten, können gerne einfach auf dieses Kästchen klicken (jedenfalls, wenn man twittert). Aber natürlich kann man Ingrid Glomp an verschiedenen Orten im Netz treffen. Nämlich wo?

Meine übergeordnete Website ist: http://www.ingrid-glomp.de

Die Journalistin finden Sie hier: http://mehrwissenbesserleben.wordpress.com

Die Schreibdozentin hier: http://www.schreibhandwerk.blogspot.de

Die Krimiautorin hier: http://igkrimis.wordpress.com

Außerdem bin ich in verschiedenen sozialen Netzwerken unterwegs. Die Links stehen zum Beispiel auf der Startseite meiner Website.

Herzlichen Dank, liebe Ingrid für dieses schöne und zum Weiterdenken anregende Interview!

Claudia Frey
Diplom-Psychologin Psychologische Psychotherapeutin

Sie möchten weiterlesen?

Hier finden Sie ältere Blog‑Artikel:

Kategorien

Oder suchen Sie einfach nach Stichworten: