Perfektionismus schadet uns

Einer meiner einflussreichsten Mentoren und Psychotherapie-Lehrer war Albert Ellis. Ich hatte das große Glück, diesen Mitbegründer der modernen Psychotherapie persönlich kennen zu lernen und sehr viel von ihm lernen zu dürfen. Neben seiner wissenschaftlichen und therapeutischen Arbeit war er berühmt für sein Temperament und seine leidenschaftlich vorgetragenen Überzeugungen. Eine davon war, dass Perfektionismus uns unglücklich macht. Denn wir Menschen sind nun mal als fehlbare und Fehler machende Wesen gestrickt. Das Beharren auf Perfektion macht uns nicht sicherer und besser. Sondern einfach nur unglücklich. Und schlechter, als wir sein müssten, auch wenn das paradox klingt.

 

Ist es nicht normal, perfekt sein zu wollen?

Selbstverständlich geht es nicht darum, schlampig zu sein. Oder uns nicht ernsthaft darum zu bemühen, die Dinge, die wir tun, so gut wie möglich zu tun. Dabei ist das „so gut wie möglich“ sehr hilfreich, bringt uns weiter. Während Perfektionismus uns lähmt und bremst.

Denn:

  • Es gibt einen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen schwerem Perfektionismus und psychischen Störungen
  • Also z.B. Essstörungen, Depressionen, Zwangsstörungen und Angststörungen (Egan et al. 2011).
  • Perfektionismus wird auch mit Prokrastination, Schamgefühlen und Selbstmordversuchen in Verbindung gebracht.

Perfektionismus

Wir fühlen uns also oft schlecht, wenn wir nicht perfekt sind. Aber dabei den Anspruch haben, perfekt sein zu müssen. Denn in unserer photo-geshoppten Welt wird Perfektion als etwas ganz Selbstverständliches gesehen und oft von uns selbst erwartet.

Wir vergleichen dann oft unser Inneres mit dem Außen der anderen. Dabei kann man nur verlieren. 

Denn dass die anderen (womöglich) perfekt aussehen, heißt ja lange nicht, dass sie es sind (oder sich so fühlen).

 

Wie genau zeigt sich Perfektionismus?

Typisch perfektionistische Grundannahmen sind:

  • es gibt für alles eine perfekte Lösung
  • etwas perfekt (fehlerfrei) zu machen, ist möglich
  • eine Sache perfekt zu machen, ist erstrebenswert
  • selbst kleinste Fehler gehen gar nicht

Es klingt so banal, aber es ist ja wirklich so, deshalb noch einmal: Wir sind alle Menschen und wir machen alle Fehler. Eher mehr als weniger. Wenn wir darauf beharren, das dürfte nicht so sein, dann setzen wir uns enorm unter Druck. Was dummerweise eher zu mehr als zu weniger Fehlern führt.

Perfektionismus

Perfektionismus ist schlimmer geworden

Das wundert einen ja nicht: In unserer Zeit der perfekten virtuellen Welten fühlen wir uns oft noch unzulänglicher, als frühere Generationen. In einer Meta-Analyse von Curran et al.  wurde untersucht, ob es in den letzten 27 Jahren einen Anstieg an Perfektionismus gab.Die Ergebnisse weisen tatsächlich darauf hin, dass jüngere Generationen eine größere Erwartung anderer an sie selbst wahrnehmen, dass sie selber mehr von anderen verlangen und auch mehr von sich selbst erwarten (wenn Sie das genauer nachlesen wollen, schauen Sie gerne in den Quellenangaben nach).

 

Was heißt das alles für uns?

Es ist ja nicht so leicht und erfordert auch etwas Bewusstheit. Denn Perfektion scheint so „normal“ zu sein. Sich bewusst dagegen zu entscheiden, ist ein großer Schritt in Richtung mehr Gelassenheit. Und paradoxerweise sogar in Richtung „höherer Qualität“.

Ich selbst habe immer wieder die Stimme von Albert Ellis im Ohr, der einen durchaus anbrüllen konnte, wenn er perfektionistisches Denken vermutete. Und der ein wunderbares Beispiel im „Unperfekten“ war, indem er z.B. vor laufender Kamera mit dünner Stimme seine „irrational songs“ sang. Unvergesslich und eindrücklich. Das hilft mir bis heute ;-). Eine perfekte Performance hätte ich schon längste vergessen…

In einem anderen Blogartikel schreibe ich zur „Kultur des Scheiterns“ (hier). Vielleicht ist das auch interessant für Sie zu lesen?

Quellen:

  • N.Spitzer, Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen, Psychotherapie: Praxis, DOI 10.1007/978-3-662-47476-1_1, Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
  • Curran, T., & Hill, A. P. (2017). Perfectionism Is Increasing Over Time: A Meta- Analysis of Birth Cohort Differences From 1989 to 2016. Psychological Bulletin. Advance online publication. http://dx.doi.org/10.1037/bul0000138

Photo by Jonathan Hoxmark on Unsplash

Claudia Frey
Diplom-Psychologin Psychologische Psychotherapeutin

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