Kürzlich saß eine Patientin zum ersten Gespräch bei mir und erzählte, sie habe die Wartezeit auf den Termin genutzt und ihr Problem schon mit ChatGPT besprochen – gelöst sei es im Grunde auch schon. Sie sagte das freundlich, wie eine gute Nachricht. Sie ist kein Einzelfall: Immer öfter höre ich in meiner Praxis Sätze wie „ChatGPT ist wie ein Therapeut für mich“, „Die Antworten waren so verständnisvoll“ oder „Ich habe der KI Dinge erzählt, die ich noch keinem Menschen erzählt habe.“ In einer repräsentativen Umfrage von Anfang 2026 gab mehr als ein Drittel der Deutschen an, KI-Chatbots schon einmal für das eigene seelische Wohlbefinden genutzt zu haben.
Ich finde das nachvollziehbar. ChatGPT hat unbegrenzt Zeit. Es unterbricht nicht, wird nicht müde, ist nie gekränkt und nachts um drei genauso freundlich wie dienstags um elf. Wer geschickt fragt, bekommt sogar Gegenargumente und überraschend kluge Ideen. Und die Forschung bestätigt den Eindruck: In Studien, in denen man nicht wusste, wer das Gegenüber war, wurden KI-Antworten meist als empathischer eingestuft als die von Ärzt:innen – in der bekanntesten Untersuchung fast zehnmal so häufig (Ayers et al. 2023; eine Zusammenfassung von 15 Studien bestätigte das Muster 2025). Erste Vergleiche zwischen der KI und Psychotherapeut:innen zeigen ein ähnliches Bild.
Wird Psychotherapie also überflüssig? Ich beschäftige mich ernsthaft mit dieser Frage und die Antwort ist interessanter als „Quatsch. Sowas kann KI doch nicht“ (eine Variation dieser Reaktion höre ich immer wieder von Kolleg:innen).
„ChatGPT versteht mich so gut“
Ist es eigentlich dasselbe, verständnisvoll und empathisch zu sein? Fast, könnte man meinen. Und was ChatGPT an Verständnis anbietet, ist ja nicht nichts: Es erkennt Gefühle in dem, was Sie schreiben, oft erstaunlich treffsicher – manchmal benennt es sie präziser, als man es selbst gekonnt hätte, und oft besser als ein menschliches Gegenüber. Wer das zum ersten Mal ausprobiert, ist oft schockiert. Denn die KI versteht Zusammenhänge, sie kann trösten. Oft begreift sie auch das, was zwischen den Zeilen gesagt wird, und kann es so zurückgeben, dass man etwas damit anfangen kann. Sie bietet Worte für etwas an, das vorher diffus war, und verknüpft, was Ihnen jetzt auf dem Herzen liegt, mit dem, was Sie früher schon einmal erzählt haben. In Studien fühlten sich Menschen nach KI-Antworten stärker gehört als nach Antworten anderer Menschen – jedenfalls solange sie nicht wussten, von wem die Antwort stammte.
Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was wir da als Empathie erleben. Meist ungefähr das: Da hört jemand zu, versteht mich, urteilt nicht – und gibt mir recht. Verstandenwerden und Rechtbekommen fühlen sich zunächst oft gleich an. In einer psychotherapeutischen Beziehung ist Empathie aber mehr: ein Verstehen mit gemeinsamen Zielen und gemeinsamer Arbeit. Ein gemeinsames Sich-Einlassen auf einen Erkundungsprozess. Eine gute psychotherapeutische Beziehung bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Sie kann auch Widerspruch bedeuten, ein gemeinsames Ringen um diese Beziehung.
Der Widerspruch kommt auf Bestellung
Ja, ChatGPT und Co. können kritisch sein – wenn Sie darum bitten. Das heißt, der Widerspruch kommt, wann Sie ihn wollen, in der Dosis, die Sie wollen, und er lässt sich jederzeit abbestellen: neuer Chat, neue Anweisung, freundlichere Antwort. Sie begegnen nie etwas, das Sie nicht selbst eingeladen haben. Nichts, was nicht ein Spiegel dessen ist, was Sie hineingeben.
Bei ChatGPT führen Sie Regie. In einer Psychotherapie begegnen Sie jemandem. Jemandem mit eigenem Standpunkt, den Sie nicht steuern können. Das klingt erst einmal unbequemer – und ist es auch. Aber Veränderung passiert erfahrungsgemäß oft genau an der Stelle, an der wir die Kontrolle über unser Gegenüber nicht haben. Ein:e Therapeut:in, die ihre Arbeit ernst nimmt, gibt Ihnen deshalb nicht immer recht: Sie fragt nach, wo ChatGPT nickt. Sie widerspricht auch dann, wenn Sie das gerade nicht bestellt haben. Und sie bleibt dabei an Ihrer Seite.
ChatGPT kennt nur Ihren Bericht über sich
ChatGPT weiß von Ihnen, was Sie ihm schreiben – gefiltert durch genau die blinden Flecken, wegen derer man üblicherweise eine Therapie aufsucht. Ein:e Therapeut:in sieht zusätzlich das, was Sie nicht erzählen: den Widerspruch zwischen Worten und Gesichtsausdruck. Das Thema, das auffällig fehlt. Das Beziehungsmuster, das sich im Behandlungszimmer selbst zeigt – freundlich sein und innerlich verschwinden, zum Beispiel. Ihr Bericht über Ihr Problem ist nicht Ihr Problem. Und bearbeiten lässt sich ein Muster am besten dort, wo es sich gerade zeigt und spürbar wird. Hier könnte man einwenden, dass eine gute KI tatsächlich auch „lesen“ kann, was Sie nicht sagen. Aber ChatGPT oder Claude spüren nicht, wie es Ihnen wirklich geht. Sie bekommen nicht mit, wie sich Ihre Körperhaltung oder Ihre Mimik seit dem letzten Gespräch verändert hat, wie Ihre Ausstrahlung ist.
Auch bewährte therapeutische Techniken kann die KI erklären und vorschlagen, und die sind oft nicht falsch, vielleicht sogar näher an einem psychotherapeutischen Lehrbuch als das, was ein:e Therapeut:in vorschlägt. Aber ob eine Übung gerade passt, in welcher Form und in welchem Moment, entscheidet sich an viel mehr als an theoretischem Wissen. An dem, was Sie sagen und was nicht, an dem, was im Raum spürbar ist – und an der Erfahrung aus vielen Ausbildungsjahren und vielen Behandlungen, in denen man lernt, wann eine Strategie hilft und wann sie zu früh kommt. Die KI hat sozusagen alle Lehrbücher gelesen – aber sie hat nie behandelt, wurde nie supervidiert und hat nie erlebt, was aus ihren Vorschlägen geworden ist.
Vor einer Maschine riskieren Sie nichts
„Ich habe der KI Dinge erzählt, die ich keinem Menschen erzählen könnte“ – das ist verständlich, entlastend, und es hat eine Kehrseite. Sich einem echten Menschen zu zeigen kostet etwas: Man riskiert Bewertung, Beschämung, Zurückweisung. Wenn man sich einem Menschen anvertraut und dann keine Zurückweisung kommt, sondern jemand bleibt, ernst nimmt und zugewandt bleibt, lernt man etwas Neues. Solche korrigierenden Erfahrungen gehören zum Wirksamsten, was Psychotherapie zu bieten hat. Vor einer Maschine riskiert man nichts, deshalb ist es so leicht. Und deshalb verändert es letztlich wenig, sich ihr anzuvertrauen (auch wenn es ein wichtiger und wohltuender erster Schritt sein kann).
Dazu passt ein Befund, den ich bemerkenswert finde: Legt man Menschen identische Antworten vor, einmal angeblich von einem Menschen, einmal als KI gekennzeichnet, werden dieselben Worte als deutlich weniger empathisch empfunden, sobald KI als Absender genannt ist. Anerkennung wiegt offenbar so viel, wie sie das Gegenüber kostet. Ein Mensch hätte auch anders reagieren können. Genau das gibt seinen Worten Gewicht.
Wo es riskant wird
KI-Systeme neigen zur Zustimmung – in einer großen Untersuchung von 2026 bestätigten sie das Verhalten ihrer Nutzer:innen etwa um die Hälfte häufiger als Menschen, auch wenn es schädlich war. In anderen Studien übersahen Chatbots regelmäßig Krisensignale, die menschliche Therapeut:innen im direkten Vergleich fast immer erkannt hatten. Die Dimension ist erheblich: OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, schätzt selbst, dass weltweit jede Woche über eine Million Menschen mit ChatGPT über Suizidgedanken sprechen. Und ein Befund aus einer deutschen Klinik macht nachdenklich: Antworten, die Fachleute als potenziell gefährlich einstuften, wurden von Patient:innen als genauso empathisch und nützlich bewertet wie unbedenkliche. Ob eine Antwort guttut und ob sie gut ist, sind zwei verschiedene Dinge – und am Gefühl, das eine Reaktion auslöst, lässt sich das nicht festmachen.
Also Finger weg von ChatGPT und Claude?
Nein. Meine Patientin hatte etwas Sinnvolles getan: Gedanken sortiert, ihre Situation in Worte gefasst, erste Erklärungen gefunden. Dafür taugt die KI – zum Ordnen, zum Verstehen von Zusammenhängen, als Überbrückung bis zum Therapiebeginn. Nur die Diagnose und die Psychotherapie gehören in die Hände ausgebildeter Psychologischer oder Ärztlicher Psychotherapeut:innen.
KI kann inzwischen erstaunlich gut so sprechen, wie ein verständnisvoller Mensch spricht. Psychotherapie beginnt dort, wo aus dem Gefühl, verstanden zu werden, ein gemeinsamer Veränderungsprozess wird – mit einem Menschen, den Sie nicht steuern, der Sie sieht und der Verantwortung übernimmt.
Quellen (Auswahl): Ayers et al. 2023, JAMA Internal Medicine; Howcroft et al. 2025, British Medical Bulletin; Rubin et al. 2025, Nature Human Behaviour; Yin et al. 2024, PNAS; Cheng et al. 2026, Science; Armbruster et al., BG Kliniken Ludwigshafen; Moore et al. 2025, Stanford/ACM FAccT; Elliott et al. 2018/2023; Flückiger et al. 2018, Psychotherapy; Hatch et al. 2025, PLOS Mental Health.